Sisi im Film

Eine seltsame Frau
Elisabeth
Kaiserin von Österreich
Königin von Ungarn
*24.12.1837
10.09.1898

Einführung
Jedes Jahr laufen pünktlich zu Weihnachten die berühmten „Sissi“-Filme mit Romy Schneider im Fernsehen und erzielen immer wieder hohe Einschaltquoten. Ganze Generationen haben bereits Unmengen an Taschentüchern vollgeheult und solange die Filme noch laufen, wird sich daran wahrscheinlich nichts ändern.
In Österreich lebt eine ganze Industrie vom „Sissi“-Mythos, es gibt scheinbar nichts, was sich mit dem Bildnis der Kaiserin drauf nicht verkaufen lässt. Das Repertoire reicht von Postkarten, Postern, T-Shirts, Kaffeetassen, Puppen, Fingerhüten, Schlüsselanhängern, Tellern bis hin zu Fertighäusern und Büchern verschiedenster Qualität. Einen Höhepunkt erreichte dieser Kult im Jahre 1998 zum 100. Todestag der Kaiserin. Durch den Tod der von den Medien zur „Königin der Herzen“ hochstilisierten Lady Diana Spencer 1997 wurde auch Elisabeth zur „Kaiserin der Herzen“ ernannt.
Doch wer war eigentlich diese Frau, die die Menschen bis heute fasziniert? War sie wirklich eine „seltsame Frau“, wie Egon Caesar Conte Corti sie in seiner Elisabeth-Biographie nennt? War sie wirklich die rebellische, tragische „Kaiserin wider Willen“, eine „Märchenkaiserin“ vergleichbar mit ihrem Cousin Ludwig II. von Bayern, eine „Unpolitische“, eine „Kunstfigur“?
Ich will hier versuchen, ein möglichst neutrales Bild der Kaiserin zu zeichnen, wobei ich mich an die biographischen Fakten halten will, ohne gleich interpretierend zu wirken. Das haben schon unzählige HistorikerInnen und AutorInnen vor mir versucht.
Dieser Aufsatz hier ist nicht als wissenschaftlich-historischer Aufsatz zu verstehen. Auf Fußnoten wurde verzichtet, um einen besseren Lesefluss zu gewähren. Auch werde ich hier nicht im hochwissenschaftlichen Tonfall schreiben, sondern eher populärwissenschaftlich. Populärwissenschaftlich deshalb, weil ich die These vertrete, dass gerade bei sog. Laien historische Themen, sofern sie historisch korrekt aufbereitet sind, populärwissenschaftliche Texte oder Fernsehsendungen das Interesse für Geschichte und die Möglichkeit, sich damit auch wissenschaftlich zu beschäftigen, erst eröffnet wird. Und zu Gucken gibt es auch einiges, da ich hier einige der – meiner Meinung nach – schönsten Bilder der Kaiserin eingefügt habe. Also: viel Spaß!

Sissi, Sissy, Sisi oder Lisi
Elisabeth ist uns vor allem als „Sissi“ bekannt, jenen Namen, der in den gleichnamigen Filmen verwendet wurde. Sie selber schrieb ihren Kosenamen allerdings Sisi, wobei einige Historiker jedoch meinen, im ersten S könne man auch ein L lesen. Ich habe mich hier für die Schreibweise „Sisi“ entschieden, um deutlich zu machen, dass es sich hier nicht um die süße Sissi aus den Ernst Marischka-Filmen handelt. In einigen Büchern findet man auch die Kurzform „Sissy“, allerdings ist diese historisch noch weniger verbürgt und wird auch nur in Büchern verwendet, die vom historischen Standpunkt aus betrachtet, nicht besonders empfehlenswert sind.


Handelt es sich beim ersten Buchstaben um ein „L“ oder ein „S“?

Die Familie
Elisabeth Amalie Eugenie wurde am 24. Dezember 1837, einem Sonntag, in München geboren. Sie war das 3. Kind von Herzog Max und Herzogin Ludovika in Bayern und entstammt dem Adelshaus der Wittelsbacher.
Das kleine „in“ im Namen ist durchaus wichtig und wird leider Gottes in vielen Biographien immer noch als ein „von“ verwendet. Das ist jedoch nicht richtig. Denn Herzog Max entstammte einer Nebenlinie der Wittelsbacher, der erst 1799 die Herzogswürde vom bayerischen König zugestanden wurde. Um die beiden Linien voneinander zu unterscheiden wurde der Nebenlinie der Titel „Herzöge in Bayern“ verliehen. Die Herzöge in Bayern erhielten jedoch keinerlei Ländereien und auch in der Thronfolge spielten sie nur eine sehr untergeordnete Rolle. Materiell standen sie sich zwar nun besser als vor der Titelverleihung, allerdings galten sie nach wie vor eher als die „arme Verwandtschaft“.
Herzog Max und Herzogin Ludovika waren Cousin und Cousine und wurden 1828 miteinander verheiratet. Ehen zwischen so engen Verwandten waren damals vor allem in Adelshäusern durchaus Gang und Gäbe, auch Elisabeth heiratete immerhin ihren Cousin Franz Joseph.
Weder Max noch Ludowika waren in ihrer Ehe glücklich, zu unterschiedlich waren beide vom Temperament her und von einer Liebeheirat konnte bei den beiden auch nicht die Rede sein. Stattdessen wurden beide einander bereits im Kindesalter versprochen und sie lebten eher ziemlich gleichgültig nebeneinander her. Max war das, was man heute wahrscheinlich als Hallodri bezeichnen würde, er reiste in der Weltgeschichte herum, interessierte sich für Literatur und Pferde und hatte mehrere Liebschaften, denen auch einige Kinder entsprangen.
Ludowika, eine Schwester des bayerischen Königs hatte hingegen zeitlebens das Gefühl, unter ihrem Stand geheiratet zu haben, nachdem ihre Schwestern allesamt „glänzende“ Partien an den Höfen von Sachsen, Preußen und Österreich gemacht hatten. Einzig und allein im Bett scheint es zwischen diesen unterschiedlichen Eheleuten funktioniert zu haben, denn der Ehe entsprangen insgesamt 9 Kinder, wovon eines – Wilhelm – jedoch noch im Säuglingsalter verstarb.


Sisis Geschwister.

Unbeschwerte Kindheit
Die Familie lebte in den Wintermonaten in München, den Sommer verbrachte sie in Schloss Possenhofen am Starnberger See, liebevoll „Possi“ genannt.
Hier, weit entfernt von irgendwelchen Repräsentationspflichten, wuchsen die Kinder der herzoglichen Familie relativ unbeschwert auf. Einen vollgepackten Stundenplan mit mehreren Fremdsprachen, naturwissenschaftlichen Fächern, Staatskunde usw., wie ihn die Kinder regierender Fürstenhäuser hatten, kannten die kleinen Herzöge und Herzoginnen in Bayern nicht. Englisch und Französisch lernten die Kinder zwar, aber von Elisabeth ist z.B. bekannt, dass sie nur leidlich Französisch sprach und das war immerhin die Sprache bei Hofe. Natürlich hatten die Kinder auch Unterricht, allerdings konnte es durchaus vorkommen, dass Herzog Max seine Kinder ganz spontan aus diesem Unterricht herausriss, um mit ihnen wandern oder reiten zu gehen.
Sisi war die Lieblingstochter ihres Vaters und galt in der Kindheit als äußerst lebhaft. Vom Vater erbte sie auch ihre Leidenschaft fürs Reiten. Von ihrer späteren Schönheit war bei ihr als Kind noch nicht viel zu sehen, vielmehr wirkte sie ein wenig herb und wie ein „Bauernmädel“.


Sisi zu Pferde vor Schloss Possenhofen. Das Gebäude befindet sich heute in Privatbesitz und kann leider nicht besichtigt werden.


Franz Joseph
Während Sisi und ihre Geschwister in Bayern relativ unbeschwert aufwuchsen, war der 1830 geborene Franz Joseph in strenger militärischer Disziplin erzogen worden und das nicht ohne Grund. Zwar war er nur der Neffe des Kaisers Ferdinand, aber dieser hatte keine eigenen Nachkommen und sein Vater, Erzherzog Franz Karl, war Epileptiker und hätte nur einen sehr schwachen Kaiser abgegeben.
Im Revolutionsjahr1848 wurde er durch die Intervention seiner Mutter, der Erzherzogin Sophie, zum Kaiser gekrönt. Sämtliche Zugeständnisse, die den Völkern der Donaumonarchie während der Revolution gemacht wurden, wurden nach und nach zurückgenommen. Franz Joseph war zu diesem Zeitpunkt noch zu jung und politisch zu unerfahren, um die Folgen dieser Politik abschätzen zu können. Nicht er regierte, sondern seine Mutter mit ihren erzkonservativen Beratern. Es sollte einige Jahre dauern, bis Franz Joseph stark genug war, um sich gegen seine Mutter durchsetzen zu können. Allerdings wurde er durch die erzkonservative Erziehung geprägt und sollte es sein ganzes Leben lang nicht schaffen, ein fortschrittlicher Kaiser zu werden. Stattdessen sah er sich als absolutistischen Herrscher, der von Gottes Gnaden auserwählt war.


Der junge Kaiser
 
Heiratspläne
Nachdem Erzherzogin Sophie nach der Revolution von 1848 ihren Sohn auf den Thron gesetzt hatte und die alte Ordnung in der Monarchie wieder hergestellt war, machte sie sich daran, für ihren „Franzl“ eine Frau auszusuchen. Die Bedingung hierfür war, dass die Zukünftige aus einer alten Adelsdynastie stammte und zudem katholisch war. Dies war für die Habsburger kein Problem, denn gemäß dem Wahlspruch „tu felix Austria nube!“ (du glückliches Österreich heirate) war man mit fast allen Adelshäusern Europas in irgendeiner Form verwandt. Dennoch gab es immerhin zwei fehlgeschlagene Versuche, bis Sophie sich an ihre Schwester Ludowika in Bayern erinnerte, die immerhin eine Tochter, Helene, im heiratsfähigen Alter hatte.

Erzherzogin Sophie, die Mutter Kaiser Franz Josephs

Im Winter 1852/1853 nahm der Plan dann feste Formen an, Briefe wurden zwischen Wien und München gewechselt und bald schon stand fest, dass Franz Joseph und Helene im August 1853 in Bad Ischl im Salzkammergut einander vorgestellt werden sollten, um sich miteinander zu verloben. Die Zeit bis dahin sollte dazu genutzt werden, um aus Helene eine zukünftige Kaiserin zu machen. Doch es kam alles ganz anders…

Bad Ischl
Das Zusammentreffen in Bad Ischl sollte möglichst unbemerkt von statten gehen und wurde als Familientreffen getarnt. Dies war auch der Grund dafür, dass Herzogin Ludowika ihre jüngere Tochter Sisi ebenfalls zu diesem Treffen mitgenommen hatte.
Der Kaiser, der ja eigentlich mit Helene verkuppelt werden sollte, hatte jedoch vom ersten Treffen an nur Augen für Sisi. Man kann hier wohl durchaus von der berühmten „Liebe auf den ersten Blick“ sprechen. Ob sie allerdings von Sisi auch erwidert wurde, ist zweifelhaft. Sicherlich war sie geschmeichelt, aber ob sie sich der Tragweite dieser plötzlichen Liebe jedoch bewusst war, kann wohl eher bezweifelt werden.
Franz Joseph erklärte seiner Mutter sehr schnell, dass er nicht vorhatte, Helene zu heiraten, sondern sich in deren Schwester Sisi verliebt hatte und nur sie heiraten wollte. Sämtliche Versuche der Erzherzogin, ihm Sisi auszureden, schlugen fehl. Der Kaiser hatte sich nun einmal verliebt und wagte es nun zum ersten Mal, seiner Mutter zu widersprechen.


Das erste Foto von Sisi aus dem Jahr 1853. Damals war sie eher noch ein "Bauernmädel"

Am 19. August 1853 wurde die Verlobung von Franz Joseph mit seiner Cousine Elisabeth in Bad Ischl bekannt gegeben. In Wien wurde die Nachricht mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Wer war diese kleine Herzogin aus Bayern, von der man noch nie etwas gehört hatte? Sie stammte aus keinem der regierenden Häuser, gehörte zur „armen Verwandtschaft“ der Wittelsbacher und war in Wien vollkommen unbekannt.
Ludowika konnte mit der Situation aber dennoch zufrieden sein. Zwar hatte sie in den niederen Adel eingeheiratet, aber immerhin eine ihrer Töchter würde nun Kaiserin von Österreich werden und das war mehr, als sich eine Herzogin in Bayern jemals zu träumen wagte. Die Heirat einer ihrer Töchter mit dem Kaiser von Österreich sollte auch ihren anderen Töchtern die Türen zum europäischen Hochadel öffnen.


Die Kaiservilla in Bad Ischl

Und Helene? Sicherlich war es für sie ein Schock, von einen Tag auf den anderen von der zukünftigen Kaiserin wieder in die Bedeutungslosigkeit gestoßen zu werden. Außerdem war sie schon für damalige Verhältnisse relativ alt, um noch eine Aussicht auf eine gute Partie zu haben. Aber der Leser sei beruhigt: Helene heiratete später den Erbprinzen von Thurn und Taxis und führte – im Vergleich zu ihren Schwestern – eine durchaus glückliche Ehe.

Hochzeitsvorbereitungen
Für Sisi begann nun der Ernst des Lebens. Sämtliche Versäumnisse in ihrer Erziehung mussten nun innerhalb kürzester Zeit aufgearbeitet werden. Sie erhielt Unterricht in Fremdsprachen, Geschichte und Tanzen und musste für ihre Aussteuer noch komplett neu eingekleidet werden. Und dennoch war ihre Aussteuer der einer Kaiserin von Österreich nicht angemessen. Hätte die Erzherzogin Sophie Sisi nicht einige kostbare Geschenke gemacht, so wäre sie noch bescheidener ausgefallen.
Freude hatte Sisi jedoch nur an einem Teilbereich ihrer neuen Erziehung: Ungarisch. Eine Liebe, die sich einige Jahre später durchaus bezahlt machen sollte. Ansonsten versuchte sie, dem Crashkurs „Kaiserin in 6 Monaten“ so oft wie möglich zu entkommen. So ist zum Beispiel überliefert, dass sie den dauernden Anproben ihrer neuen Toilette so oft es ging fern blieb, bzw. die Schneiderinnen sich beeilen mussten, um ihre Maße zu nehmen, da Sisi meistens schnell versuchte, zu verschwinden.

Hochzeit in Wien
Am 20. April 1854 begab sich Sisi auf die Reise nach Wien, die Hochzeit dort war für den 24. April angesetzt. Auf der „Stadt Regensburg“ ging es von Straubing über die Donau nach Wien. Am Nachmittag des 22. April kam Sisi dann in Wien an.
In Schönbrunn wurde Sisi dann ihrem Hofstaat vorgestellt, den Sophie für sie ausgewählt hatte. Sisis Oberhofmeisterin, die Gräfin Esterházy, war eine Vertraute Sophies und ebenso wie diese als erzkonservativ bekannt. Sisi empfand ihre Oberhofmeisterin als „Aufpasserin“. Erst einige Jahre später sollte sie sich ihren eigenen Hofstaat nach ihren Vorstellungen zusammenstellen.

Gleich am ersten Tag wurde Sisi auch mit dem Spanischen Hofzeremoniell vertraut gemacht, das als das strengste Europas galt, für ein „Naturkind“ wie Sisi sicherlich eine gewaltige und ungewohnte Umstellung. Am Tag ihrer Hochzeit, dem 24. April, wurde ihr zudem das bis ins kleinste Detail geregelte Trauungszeremoniell vorgestellt.
Von Schönbrunn ging es dann zur Augustinerkirche in der Nähe der Hofburg. Um halb sieben Uhr abends fand dann die Trauung statt, anschließend begab sich die Hochzeitsgesellschaft in die Hofburg, wo das junge Paar zunächst im Thronsaal eine stundenlange Gratulationscour über sich ergehen lassen musste. Als die Tafel aufgehoben wurde, geleitete Ludowika mit zwölf Pagen Sisi in ihr Schlafgemach.
Ob Sisi aufgeklärt war über das, was in der Hochzeitsnacht geschehen sollte? Es darf bezweifelt werden, sexuelle Aufklärung war damals ein Tabu und natürlich hatte Sisi noch keinerlei Erfahrungen in diesem Bereich.
Am nächsten Morgen musste Sisi sich dann auch den indiskreten Fragen ihrer Schwiegermutter über den Verlauf der Hochzeitsnacht stellen. Doch es gab nichts zu berichten, Franz Joseph hatte seine Frau bereits schlafend vorgefunden. Dass die Fragen Sophies nicht dazu betrugen, das Verhältnis zu ihrer Nichte und Schwiegertochter in freundschaftliche Bahnen zu lenken, dürfte verständlich sein. Was Sisi jedoch übersah, war die Tatsache, dass die Hochzeitsnacht eines Kaiser- oder Königspaares noch wenige Jahre zuvor eine öffentliche Angelegenheit gewesen war, bei der Repräsentanten der Regierung und Kirche anwesend waren. Sophie hatte aus Rücksicht auf Sisi jedoch davon abgesehen. Die Ehe wurde erst in der dritten Nacht vollzogen.
Die folgenden Tage waren für das junge Kaiserpaar vollgepackt mit repräsentativen Pflichten. Erzherzogin Sophie war stets dabei, sehr zum Leidwesen Sisis, die in Sophies Ratschlägen unerwünschte Kritteleien und Kritik an ihrer Person sah. Dabei wollte Sophie ihrer Schwiegertochter lediglich im komplizierten Geflecht von Protokoll und Etikette beiseite stehen.
Die andauernden Repräsentationen wurden allerdings bald zuviel für Sisi. In den ersten Wochen in Wien musste sie jeden Tag Abordnungen aus allen Teilen des Reiches empfangen, eine Privatsphäre wie in Possenhofen gab es für die Kaiserin nicht mehr. Franz Joseph erkannte, dass seine junge Frau vollkommen überfordert war. Kurzerhand sagte er alle repräsentativen Pflichten ab und fuhr mit Sisi in Flitterwochen nach Laxenburg, einer Sommerresidenz der kaiserlichen Familie außerhalb von Wien.


Das junge Kaiserpaar auf einer zeitgenössischen Porzellan-Malerei

Von Flitterwochen konnte jedoch keine Rede sein. Franz Joseph verbrachte nur die Abende und Nächte bei seiner Frau in Laxenburg und fuhr frühmorgens zur Arbeit in die Wiener Hofburg. Stattdessen kam Erzherzogin Sophie zu Besuch.
Die Lage für Franz Joseph war schwierig. Einerseits war er es von Kindesbeinen an gewöhnt, auf seine Mutter zu hören, andererseits liebte er seine „Engels-Sisi“ über alles. Sophie bemängelte die mangelnde Bereitschaft Sisis, sich in ihr neues Leben als Kaiserin eines Millionenreiches einzufühlen. Sisi wiederum klagte über Sophies ständige Einmischung und wurde zusehends launenhafter. Vielleicht hätte Franz Joseph sich bereits in dieser frühen Zeiten entschiedener auf Sisis Seite stellen sollen. Dass er es nicht tat, nahm sie ihm sehr übel und trug dazu bei, dass sich das Kaiserpaar im Laufe der Jahre immer mehr voneinander entfremdete.

Die erste Schwangerschaft
Als der Hofarzt Sisis erste Schwangerschaft feststellte, zog Sophie zu Sisi nach Laxenburg, um ihr zur Seite zu stehen. Sisi beschwerte sich erneut bei Franz Joseph über diese Gängelung, hoffte jedoch, dass die Situation nach der Geburt des Kindes bessern würde.  Ein Irrtum.
Sisis Schwangerschaft war auch für Franz Joseph nicht leicht. Sisi kapselte sich geradezu von der Außenwelt ab, da sie sich mit ihrem Schwangerschaftsbauch entstellt fühlte. Sie war auch kaum bereit, sich den Untertanen zu zeigen, wie es damals durchaus üblich war, auch von Franz Joseph hielt sie sich so weit wie möglich fern. Sisi fühlte sich nicht nur entstellt, sie verabscheute sich auch selber und brütete in Laxenburg vor sich hin in der Hoffnung, dass das Kind ein Junge werden möge. Damit hätte sie ihre Pflicht für den Fortbestand der Dynastie erledigt und würde von einer weiteren Schwangerschaft verschont bleiben.
Am 5.März 1855 kam die kleine Sophie zur Welt, eine Tochter, was bedeutete, dass Sisi das „ganze traurige Geschäft noch einmal durchmachen“ musste. Franz Joseph schien es jedoch nichts auszumachen, dass sein erstgeborenes Kind ein Mädchen war.
Die kleine Sophie, benannt nach der Erzherzogin, ging sogleich in die Obhut ihrer Großmutter über. Sisis größte Sorge war, ob sie nach der Geburt ihre Figur und Schönheit wiedererlangen würde, von den späteren Streitereien um das Sorgerecht für die Kinder zwischen der Kaiserin und ihrer Schwiegermutter konnte zu diesem Zeitpunkt noch keine Rede sein, denn im Juni fuhr sie zu ihren Eltern nach Possenhofen und anschließend in die kaiserliche Sommerfrische nach Bad Ischl.
Erst als Sisi nach Wien zurückkehrte, begann sie Sophie Vorwürfe, diese würde ihr das Kind entfremden, zu machen. Daran war Sisi selber aber sicherlich nicht unschuldig.
Als Sisi erkannte, dass sie erneut schwanger war, nahm ihre Launenhaftigkeit  zu, da sie fürchtete, wieder eine Tochter zur Welt zu bringen. Am 15.Juli 1856 wurde die zweite Tochter des Kaiserpaares, Gisela, geboren. Wieder kam das Kind in die Obhut seiner Großmutter. Sisi wollte diesmal jedoch nicht klein beigeben.
Sie machte Franz Joseph eindeutig klar, dass Sophie die Kinder in ihre Obhut zu geben hatte. Wütend konterte Sophie mit dem Vorwurf, Sisi sei völlig unfähig, die Erziehung der Kinder zu leiten, an denen ihr ohnehin weniger läge als an ihren Reitpferden. Sie drohte sogar, die Hofburg zu verlassen, wenn der Kaiser auf Sisis Wunsch einginge. Doch diesmal gab Franz Joseph seiner Mutter nicht nach.
Sophie musste erkennen, dass ihr Einfluss auf Franz Joseph zu schwinden drohte. Das Verhältnis zwischen der Erzherzogin und der Kaiserin wurde immer schlechter.

Staatsbesuch in Italien und Ungarn
In den norditalienischen Provinzen wurde die Situation immer bedrohlicher. Zur Befriedung der italienischen Provinzen schlug der Innenminister dem Kaiser daher vor, einen Staatsbesuch dort zu machen und die Kaiserin mitzunehmen. Sophie, eine Vertreterin der starken Hand war dagegen, doch Sisi war von der Idee begeistert und bestand darauf, die Kinder mitzunehmen, zumindest die kränkelnde Sophie, die sich dort im südlichen Klima erholen sollte. Franz Joseph war einverstanden.
Der Empfang in Italien war jedoch frostig. Die wenigen Menschen, die dem Kaiserpaar zujubelten, waren von den österreichischen Beamten angeheuert worden. Nachdem einige Gnadenakte erlassen wurden, verbesserte sich die Stimmung ein wenig. Für einen Kurswechsel, um die Italiener vollkommen für den Kaiser einzunehmen, war es jedoch zu spät.


Sisi als junge Kaiserin

Währenddessen arbeitete man in Ungarn auf eine Loslösung vom Reichsverband hin. Auch hierhin sollte der Kaiser zusammen mit der Kaiserin reisen. Sisis Feindschaft mit Sophie war in Ungarn bekannt, so dass man hoffte, dass dies vielleicht einen freundlicheren Empfang sichern würde. Sisis Sympathien für Ungarn waren dort bekannt, mittlerweile sprach sie auch fast fließend Ungarisch.
Diesmal bestand Sisi darauf, beide Töchter mitzunehmen, trotz aller Warnungen ihrer Schwiegermutter und des Hofarztes. Die kleine Sophie war in Italien nicht gesund geworden, das Kind kränkelte weiter. Ohne ihre Kinder wollte Sisi jedoch nicht reisen. Wahrscheinlich war dies eine reine Trotzreaktion gegenüber ihrer Schwiegermutter. Gleichzeitig wussten Franz Joseph und Innenminister Bach um die Wichtigkeit der Anwesenheit der Kaiserin und erlaubten es schließlich, dass die beiden kleinen Erzherzoginnen mit nach Ungarn reisen durften.
Am 4.Mai 1857 kam das Kaiserpaar in Budapest an. Der Empfang für den Kaiser war nicht besonders freundlich, ganz anders jedoch der für die Kaiserin. Wo immer sie sich in Ungarn sehen ließ, war die Begeisterung groß. Auch Sisi war begeistert von Ungarn, vor allem gefiel ihr die wesentlich freiere Atmosphäre.
Eine geplante Reise ins Landesinnere musste jedoch verschoben werden, die beiden Kinder wurden ernsthaft krank. Sisi bereute es nun, ihren Dickkopf durchgesetzt zu haben, die repräsentativen Pflichten der Reise ließen es kaum zu, dass sie sich um ihre Kinder kümmerte. Der Hofarzt jedoch meinte beschwichtigend, die kleine Sophie würde nur zahnen und alles sei bald überstanden. Tatsächlich ging es Gisela bald besser, so dass das Kaiserpaar am 23.Mai ins Landesinnere weiterreiste, während die Kinder in Budapest zurückblieben.
Am 28.Mai jedoch erhielt das Kaiserpaar eine Depesche mit der dringenden Mitteilung, nach Budapest zurück zu kehren. Als Sisi und Franz Joseph dorthin zurückkehrten, war es für die kleine Sophie jedoch schon zu spät; sie starb am Abend des 31.Mai. Die Eltern waren verzweifelt, Sisi machte sich große Vorwürfe und fühlte sich für den Tod ihrer Tochter verantwortlich. Sofort wurde die Rückreise angetreten, Sisi sah der Rückkehr nach Wien mit Angst entgegen und fürchtete die Reaktionen ihrer Schwiegermutter. Diese jedoch war verständlicherweise genau so erschüttert wie Sisi und äußerte kein tadelndes Wort.
Sophie wurde in der Krypta der Kaisergruft beigesetzt. Sisi fuhr nach Laxenburg und schloss sich dort ein. Selbst ihre Tochter Gisela wollte sie nicht mehr sehen. Insgeheim gab sie ihr die Schuld daran, ihre Schwester angesteckt zu haben.
Franz Joseph kehrte indessen nach Ungarn zurück, wo ihm ein wesentlich freundlicher Empfang beschert wurde. Die Ungarn hatten ihre leidende Kaiserin ins Herz geschlossen und litten mit ihr.

Endlich ein Thronfolger
In Wien kam es währenddessen zu einem erbitterten Kampf zwischen Sisi und dem Hofarzt Dr. Seeburger, die sich gegenseitig anklagten, für den Tod der kleinen Sophie verantwortlich zu machen. Seeburger stand jedoch unter dem Schutz der Erzherzogin Sophie und konnte sich so am Hof halten. Sisi musste sich also weiter von ihm behandeln lassen.
Sie reagierte mit einem Hungerstreik und Selbstmorddrohungen. Franz Joseph musste schließlich Sisis Mutter bitten, nach Wien zu kommen, um sie zu beruhigen. Dies war umso angeratener, da Sisi erneut schwanger war, denn in dieser nervösen Überspanntheit wäre sie wohl nicht in der Lage gewesen, noch ein Kind gesund zur Welt zu bringen.
Als Sisi jedoch von führenden Gynäkologen bestätigt wurde, trat ein erstaunlicher Sinneswandel ein. Sisi war besessen von dem Gedanken, dem Kaiser endlich einen Thronfolger zu schenken und wie ein Kind fügte sie sich diesmal den Anweisungen der Ärzte.


Kronprinz Rudolf als Kind

Am 21.August 1858 setzten bei Sisi die Wehen ein. Diese dritte Geburt war wesentlich schwerer als die ersten beiden, gerne wird auch gemunkelt, dass Sisi während der Geburt Visionen hatten, die ihren Sohn als Revolutionär zeigten. Denn das dritte Kind war der lange erwartete Thronfolger und wurde nach dem Stammvater der Habsburgerdynastie Rudolf genannt.
Die Taufe des kleinen Thronfolgers wurde mit viel Pomp begangen, aus ganz Europa kamen Glückwünsche. Nur die Mutter schien kaum berührt zu sein. Obwohl die Geburt sie sehr mitgenommen hatte, wurde ihr Wunsch, das Kind zu stillen, abgelehnt. Wie zuvor schon Sophie und Gisela kam auch der kleine Rudolf sofort in die Obhut der Erzherzogin. Diesmal protestierte Sisi nicht.
Stattdessen entfremdete sich das Kaiserpaar immer mehr voneinander. Sisi sah in Franz Joseph nur noch einen überarbeiteten Bürokraten; zu sagen hatte sich das Paar, wenn es sich denn überhaupt noch sah, nur noch wenig.

Sisi kapselte sich immer mehr vom Wiener Hof ab, reagierte immer öfter überreizt und machte sowohl ihrem Mann, als auch ihrer Schwiegermutter und ihrem Hofstaat gegenüber Szenen. Sophie begründete ihren Entschluss, die Kinder zu sich zu nehmen, damit, Sisi möge ihnen doch wenigstens ihre Launen ersparen. Sicherlich ein gut gemeinter Entschluss, für Sisi jedoch nur ein weiteres Zeichen der Boshaftigkeit der Erzherzogin.
Ein wirkliches Familienleben gab es somit am Wiener Hof nicht mehr. Sisi kümmerte sich kaum um ihre Kinder, während diese bei ihrer Großmutter fürsorglich heranwuchsen. Man sah sich eigentlich nur noch bei hohen Feiertagen oder an den Wochen, in denen die kaiserliche Familie in Bad Ischl ihre Sommerfrische verbrachte.

Krieg in Italien und die „Heldin von Gaeta“
Napoleon III. hatte Piemont-Sardinien französische Hilfe zugesagt, falls es zu kriegerischen Auseinandersetzungen mit Österreich gäbe. Durch geschicktes Taktieren gelang es Cavour, den schlecht beratenen Kaiser zu einem Ultimatum zu provozieren, das als Kriegserklärung ausgelegt werden konnte.
Daraufhin marschierten französische und piemontesische Streitkräfte in der Lombardei ein. Am 4.Juni 1859 erlitt das österreichische Heer unter der Leitung Franz Josephs eine entscheidende Niederlage. Schon am 24.Juni erfolgte bei Solferino eine zweite Schlappe, an der der Kaiser selbst schuld war, da er verfrüht den Befehl zum Rückzug gegeben hatte.
Sisi unterhielt in diesen Tagen einen regen Briefwechsel mit ihrem Mann. Die These, sie sei eine Unpolitische, kann hier nicht weiter aufrechterhalten werden. Das Paar schrieb sich täglich mitunter mehrmals und aus den Briefen des Kaisers geht hervor, dass Sisi durchaus politisch interessiert war. Die Historikerin Karin Amtmann geht sogar soweit, zu behaupten, dass Sisi bewusst von politischen Entscheidungen ferngehalten wurde, da man ihre liberale Einstellung, die sie von ihrem Vater geerbt hatte, kannte. Genau nachweisen kann man das jedoch nicht, da von diesen Briefwechseln nur die Briefe des Kaisers erhalten geblieben sind. Was Sisi ihrem Mann also wirklich schrieb, kann man nur aus dessen Briefen zwischen den Zeilen herauslesen.
Mit dem Friedensvertrag konnte Österreich zwar Venetien behalten, die Lombardei war jedoch endgültig verloren. Für den Kaiser bedeutete dieser Krieg eine entscheidende Niederlage, manche Historiker sehen in ihm auch den Beginn des Niedergangs des Habsburgerreichs.
Wieder in Wien bemühte der Kaiser sich, das herzliche Verhältnis, das er mit Sisi während ihres gemeinsamen Briefkontaktes gehabt hatte, wieder aufleben zu lassen. Sisi jedoch wirkte angespannter und nervöser denn je, hatte es doch auch während der Abwesenheit Franz Josephs Ärger mit der Erzherzogin wegen der Erziehung der Kinder gegeben. Zudem sorgte Sisi sich um ihre jüngere Schwester Marie.
Sisis Heirat mit dem Kaiser hatte auch ihren Schwestern die Tür in den europäischen Hochadel geöffnet. Ihre jüngere Schwester Marie hatte den Herzog von Kalabrien geheiratet, der inzwischen zum König von Neapel gekrönt worden war. Durch die unsichere Situation in Italien sah das Königspaar sich jedoch von Garibaldis Aufständischen bedroht, woraufhin der König von Neapel sich hilfesuchend an den österreichischen Kaiser wandte. Österreich jedoch war zu diesem Zeitpunkt außenpolitisch isoliert und konnte Neapel nicht beistehen. Im Juli 1860 erreichte Sisi, während sie ihre Familie in Possenhofen besuchte, die Nachricht, dass der Sturz des neapolitanischen Königshauses nicht mehr aufzuhalten war, Österreich hatte jedes Eingreifen endgültig abgelehnt. Garibaldis Freischärler eroberten Neapel, Marie wurde aufgrund ihres heldenhaften Kampfes um den Thron zur „Heldin von Gaeta“ hochstilisiert, wenn sie auch nie die gleiche Berühmtheit wie ihre Schwester erlangen sollte.
Sisi beschuldigte ihre Schwiegermutter, ihre Schwester böswillig im Stich zu lassen, da Sophie bei allen politischen Entscheidungen immer noch das Heft in der Hand hielt und Einfluss nahm, wo sie nur konnte. Ihrem Mann hingegen gab Sisi keine Schuld. Für eine kurze Zeit herrschte zwischen den beiden wieder ein herzliches Verhältnis.

Eine erste Flucht
Ende Oktober 1860 jedoch eröffnete Sisi dem Kaiser, dass sie sich gesundheitlich angeschlagen fühlte und den Winter daher in südlichen Gefilden verbringen wollte. Der Kaiser schlug ihr vor, nach Meran oder an einen anderen Ort an der Adria zu fahren, Sisi jedoch lehnte entschieden ab. Sie wollte weg aus Österreich und zwar so weit weg wie möglich.
Was war geschehen? Fürchtete Sisi, der Kaiser sei ihr untreu geworden, wie einige Biographien behaupten? Es gab Gerüchte, der Kaiser habe eine Geliebte, eine polnische Gräfin, die er noch aus der Zeit vor seiner Ehe kannte. Hatte Franz Joseph sie gar, wie ebenfalls gerne behauptet wird, mit einer Geschlechtskrankheit angesteckt? Oder war es doch das ominöse Lungenleiden, wie wir es auch aus „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ kennen?
Fakt ist: Sisi war krank, was sie jedoch genau hatte, daran scheiden sich die Geister. Die Ärzte entdeckten an ihren Handgelenken und Knien schmerzhafte Schwellungen. Sisi war erschreckend abgemagert und litt gleichzeitig an einem nervösen Husten, so dass der neue Hofarzt Dr. Skoda –Seeburger war inzwischen doch entlassen worden – dringend einen Klimawechsel riet.
Tatsache ist auch: Wenn Sisi zuvor nicht magersüchtig war, dann war sie es jetzt auf jeden Fall. Bereits nach der Geburt der beiden Töchter hatte sie mit aller Macht versucht, ihre gertenschlanke Figur wieder zu erlangen. Sie aß nur noch wenig, ernährte sich meist von Milch, Orangen und ab und zu ein wenig Rindbouillon. Bei einer Körpergröße von 1,73m wog sie nie mehr als 45-50kg und achtete geradezu panisch darauf, dass sie nicht zunahm. Ihre Taille umfasste gerade mal 45cm, schon allein anhand dieser Daten dürfte ersichtlich sein, dass das nicht gesund sein kann. Allein, die Magersucht, wie wir sie heute kennen, war damals völlig unbekannt. Auf Sisis psychischen Zustand konnte dies nicht ohne Auswirkungen bleiben; Launenhaftigkeit, Gereiztheit und seelische Labilität mussten fast die zwangsläufige Konsequenz sein. Aus heutiger Sicht ist also nichts gegen die These Brigitte Hamanns einzuwenden, die bei Sisis mysteriöser Erkrankung vor allem von einer psychosomatischen spricht. Sisis Mutter Ludovika machte ihr denn auch folgerichtig Vorwürfe und warf ihrer Tochter vor, ihrer Umwelt nur etwas vorspielen zu wollen, um sich als Märtyrerin aufspielen zu können. Vielleicht gar nicht mal so falsch…
Als bekannt wurde, dass die Kaiserin von Österreich ernsthaft erkrankt war – in der Öffentlichkeit hieß es, die Kaiserin litte an Halsröhrenschwindsucht – wurden ihr von Adeligen Villen und Paläste im Süden zur Verfügung gestellt. Sisi bestand jedoch darauf, nach Madeira zu fahren, damals sozusagen das „Ende der Welt“. Zumindest hätte Franz Joseph sie nicht weiter weggelassen.
Die englische Königin Victoria stellte Sisi für die Überfahrt ihre eigene Hochseeyacht zur Verfügung und während sich der ganze Hofstaat der Kaiserin einschließlich des Leibarztes seekrank in seinen Kojen wälzte, stand Sisi vergnügt auf dem Deck und verspeiste mit großem Appetit ihre Mahlzeiten. Weiter wird berichtet, dass die Bevölkerung Madeiras bei Sisis Ankunft dort keine todkranke Kaiserin vorfanden, sondern eine braungebrannte, schöne junge Frau, mit der wohl niemand gerechnet hatte.


Sisi während ihrer ersten "Flucht" auf Madeira beim Musizieren mit ihren Hofdamen

Sisi bezog ein Haus in der Nähe von Funchal, wo sie ungestört sein konnte. Die Schönheit der Insel faszinierte sie sehr und trug dazu bei, dass Sisi wieder ihr seelisches Gleichgewicht fand. Bereits nach einigen Monaten jedoch begann sie sich auf Madeira zu langweilen und verfiel wieder in alte Verhaltensmuster zurück, vor allem um Weihnachten herum war sie wieder nervös und überspannt. Erst im Frühjahr ging es ihr dann wieder besser und am 28.April machte sie sich dann wieder auf den Rückweg nach Triest.
Sonderlich eilig schien sie es jedoch nicht zu haben, zwischendurch machte sie noch Halt in Spanien, Malta und Korfu, der Beginn einer großen Liebe. Sisi wäre sicherlich noch länger unterwegs gewesen, wenn sie nicht ein Telegramm des Kaisers erreicht hätte, dass dieser sie abholen wollte. Sisi schien wieder bester Gesundheit zu sein, der Empfang des Kaisers war geradezu rührend. Auch in Wien wurde die Monarchin, nach beinahe zweijähriger Abwesenheit, freundlich empfangen. Doch kaum in Wien angekommen, verschlechterte Sisis Gesundheitszustand sich zusehends.
Der Hofarzt stellte die Diagnose, dass die Kaiserin in Wien kaum noch sechs Wochen zu leben hatte. Auch hier schaltete Ludovika sich ein und ließ ein Gegengutachten erstellen, das auf seelische Ursachen verwies und der Kaiserin vor allem Ruhe verschrieb. Sisi war inzwischen davon überzeugt, dem Tode geweiht zu sein und bat ihren Mann, nach Korfu reisen zu dürfen, das ihr so gut gefallen hatte, als sie von Madeira zurückgekommen war.
Aber wiederum stellte sich auf Korfu eine sonderbare Heilung ein. Die Kaiserin unternahm auf der Insel Gewaltmärsche, bei denen ihre Hofdamen kaum mithalten konnten, und badete im kalten Meer.
Franz Joseph reiste daraufhin selber nach Korfu, um seine Frau zur Heimkehr zu bewegen. Bevor er Sisi doch bewegen konnte, zumindest nach Venedig mit ihm zu reisen und den Winter dort zu verbringen, musste er ihr erst versprechen, sich in den Auseinandersetzungen mit der Erzherzogin entschiedener auf ihre Seite zu stellen. Auch die Kinder sollten nach Venedig kommen, Sophie jedoch sollte in Wien bleiben.
Sisi verbrachte daraufhin den Winter 1860 mit den Kindern in Venedig, wo der Kaiser sie so oft es ging besuchte. Anstalten, nach Wien zurück zu kehren machte Sisi jedoch nicht. Franz Joseph blieb nichts anderes übrig, Ludovika zu bitten, ebenfalls nach Venedig zu kommen, um dort auf ihre Tochter einzuwirken. Sisi hatte wieder rapide abgenommen und weigerte sich, feste Nahrung zu sich zu nehmen. Immerhin konnte Ludowika ihre Tochter überreden, sich von Dr. Fischer, dem Leibarzt der Wittelsbacher, untersuchen zu lassen. Dieser erklärte, der Kaiserin fehle nichts, sie bräuchte lediglich ihre Ernährung umzustellen und auf einen gesunden Lebenswandel zu achten. Sisi versprach, sich dem zu fügen und kehrte im Mai 1861 nach Wien zurück.
1865 erlangte Sisi dann den entscheidenden Sieg über die Erziehung der Kinder. Nachdem sie von den Methoden der Erzieher des Kronprinzen erfahren hatte, stellte sie dem Kaiser ein Ultimatum, in dem sie das alleinige Sorgerecht für die Kinder forderte. Der Kaiser, der ewigen Streitereien zwischen seiner Frau und seiner Schwiegermutter müde, lenkte ein.
Wieder in Wien begann Sisi auch, ihre Ungarischstudien fortzusetzen. Sie benutzte diese Sprache geradezu als Geheimsprache. Seit den Unruhen 1848/1849 war Ungarisch am Hof verpönt und durfte nicht mehr gesprochen werden. Dies gab Sisi Gelegenheit, sich in ihrer eigenen Sprache auszudrücken. Sie begann, in ihrem eigenen Hofstaat immer mehr Stellen mit Ungarn zu besetzen. Eine entscheidende Rolle dürfte dabei Ida Ferenczy gespielt haben, die Vorleserin der Kaiserin, die im Laufe der Jahre zur intimsten Vertrauten Sisis wurde und Kontakte zu führenden ungarischen Politikern wie Ferenc Déak und Gyula Andrássy unterhielt.

Königgrätz und die Folgen
Doch es war nicht nur dem Einfluss der neuen Freundin zu verdanken, dass Elisabeth sich nun verstärkt um Ungarn bemühte. Auch ihre Selbstverwirklichung und die Tatsache, dass sie mit ihrem „Ungarnfimmel“ ihre verhasste Schwiegermutter ärgern konnte, waren nicht die einzigen Gründe, dies wäre zu einfach. Vielmehr war Ungarn nun zu einem wichtigen Stützpunkt österreichischer Politik geworden und Elisabeth erkannte dies vielleicht sogar früher als ihr Mann, der in dieser Beziehung immer noch unter dem Eindruck seiner Mutter stand.
Österreich und Preußen waren 1864 gemeinsam in Dänemark eingedrungen und hatten eine gemeinschaftliche Regierung über die Herzogtümer Schleswig und Hollstein eingerichtet, nachdem Dänemark sich das Herzogtum Schleswig widerrechtlich einverleibt hatte. Doch die Einigkeit zwischen den beiden Mächten hielt nicht lange an, sie konnte gar nicht anhalten, da der wahre Kriegsanlass nicht die Besetzung eines relativ kleinen Gebietes zwischen Nord- und Ostsee, sondern die Herrschaft über Deutschland war. Als Preußen sich die Unterstützung des neu errichteten Königreichs Italien gesichert hatte, entbrannte der Krieg von neuem, jedoch waren die einstigen Verbündeten nun Gegner. Am 3.Juli 1866 schlugen die Preußen bei Königgrätz die österreichische Armee vernichtend.
Die glänzenden Siege, die zu Lande bei Custozza durch Erzherzog Albrecht und zur See bei Lissa durch Admiral Tegethoff errungen wurden, verhinderten nicht, dass Italien Venetien zurück erhielt. Österreich erkannte die Auflösung des Deutschen Bundes an. Nach sieben Jahrhunderten waren die Habsburger endgültig vom alten Kaiserreich ausgeschlossen. Wenn sich auch unmittelbar nach 1866 nur Norddeutschland unter Preußens Führung zum „Norddeutschen Bund“ vereinigte, so war doch der Weg zur kleindeutschen Lösung des Kaiserreiches von 1870/1871 frei.
Diese erneute Niederlage führte zu innenpolitischen Konsequenzen. In Ungarn gab es immer wieder politische Unruhen, einen Verlust Ungarns konnte Österreich sich nicht leisten. Der so genannte Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn war somit eine Konsequenz der Niederlage von Königgrätz.


Als Krönungsgeschenk erhielt das Kaiserpaar vom ungarischen Volk Schloss Gödöllö geschenkt, das Sisis Lieblingsschloss wurde.

Eljén Erszebet!
Elisabeth wusste um die Wichtigkeit Ungarns für den Erhalt der Monarchie. Ihrem Einfluss auf Franz Joseph war es zu verdanken, dass dieser überhaupt bereit war, in die Verhandlungen einzutreten. Doch es war Elisabeth, die die ersten Kontakte zu Déak und Andrássy aufnahm.
Am 8.Juli 1867 wurden Franz Joseph und Elisabeth zum König und zur Königin von Ungarn gekrönt und somit auch der Ausgleich zwischen Österreich und Ungarn gefeiert. Doch was bedeutet eigentlich Ausgleich?
Formal gesprochen war der Ausgleich ein Vertrag zwischen dem ungarischen König und Ungarn. Durch den Ausgleich wurde die Habsburgermonarchie zur Doppelmonarchie, zu einem Zusammenschluss zweier unabhängiger Staaten, dem Königreich Ungarn und den im Reichsrat vertretenen Königreichen und Staaten, inoffiziell auch „Cisleithanien“ nach dem Grenzfluss Leitha genannt. Diese beiden Länder waren in Personalunion durch den Kaiser von Österreich und dem König von Ungarn verbunden.
Darüber hinaus gab es aber auch eine Personalunion der beiden Länder in den Bereichen Außenpolitik, Armee (mit deutscher Kommandosprache) und gemeinsame Finanzen. Daher gab es auch drei k.u.k. Ministerien, eins für Äußeres und Kaiserliches Haus, ein Kriegsministerium und eines für Finanzen.
Für diese gemeinsamen Finanzen wurde die sogenannte Quote festgelegt, die auf die unterschiedliche Wirtschaftsstruktur und damit das unterschiedliche Steueraufkommen der beiden Reichshälften einging. Ungarn zahlte 30%, Cisleithanien 70% dieser gemeinsamen Finanzen.
Alle zehn Jahre sollten sich die sogenannten „Delegationen“, Vertreter der beiden Länder, treffen, um über die Bedingungen des Ausgleichs neu zu verhandeln. Dabei zeigte sich in der Folge die Schwierigkeiten dieses schnell und wenig solide gemachten Vertrags. Auch bis zum Ende der Monarchie hatte sich diese umstrittene Quote nur unwesentlich geändert. Ab 1867 wurde Österreich-Ungarn als Doppelmonarchie bezeichnet.


Elisabeth im Krönungskleid am Tag zur Krönung zur Königin von Ungarn

Die Krönung war ein gewaltiges und prächtiges Fest und zudem ungewöhnlich. Elisabeth war bei den Ungarn so beliebt, dass sie mit ihrem Mann zusammen gekrönt wurde, sonst wurde die Königin immer erst einige Tage nach dem König gekrönt. Die Feierlichkeiten dauerten fünf Tage, an denen Elisabeth regen Anteil nahm.
Stellvertretend für das ungarische Volk schenkte Andrássy dem Königspaar das Schloss Gödöllö, das Elisabeth fortan als ihr wirkliches Zuhause betrachtete. In den folgenden Jahren sollte sie dort mitunter mehr Zeit verbringen als in Wien, was dort nicht gerade zur Beliebtheit der Kaiserin beitrug.

Ein Leben für die Schönheit

Elisabeth befand sich damals, mit ungefähr 30 Jahren, auf den Höhepunkt ihrer Schönheit. Sie galt als die schönste Frau Europas und war eisern bemüht, diesen Ruf auch zu verteidigen.
Sisis Tagesablauf war zur Gänze mit den Bemühungen um ihre Schönheit ausgefüllt. Sie war geradezu besessen von ihrer Schönheit, nichts fürchtete sie mehr als das Alter und den körperlichen Verfall. Beim Kämmen ausgefallene Haare musste die Friseurin unsichtbar verschwinden lassen, wenn sie sich nicht eine Ohrfeige der Kaiserin einfangen wollte.


Eins der berühmten drei Winterhalter-Portraits der Kaiserin, bei dem ihre gewaltige Haarpracht offensichtlich wird.

Über Elisabeths Haarlänge gibt es verschiedene Mutmaßungen. Während die einen Biographien davon sprechen, dass ihre Haare bis zur Hüfte fielen, liest man in anderen von kniekehlenlangen Haaren, wieder andere gehen sogar noch weiter und behaupten, Elisabeth hätte Haare bis zum Boden gehabt. Wenn das Gewicht der Haare allzu sehr auf den Kopf und die Halsmuskulatur drückte, ließ Elisabeth ihre Haare an Bändern aufhängen, um Kopf und Hals zu entlasten. Das tägliche Frisieren benötigte drei Stunden, alle drei Wochen wurden die Haare gewaschen, was einen ganzen Tag in Anspruch nahm. Ihre Friseurin warb Elisabeth am Wiener Burgtheater ab, wo ihr die ausnehmend schönen Frisuren der Darstellerinnen ins Auge fielen. Fanny Angerer, später Freifalik, bekam am Wiener Hof das Gehalt eines damaligen Universitätsprofessors für ihre Dienste.
In den 1860er Jahren avancierte Wien neben Paris zur Modemetropole Europas, die taillenbetonte Mode dieser Zeit wusste die Kaiserin für sich zu nutzen, da durch die Krinoline ihre schmale Taille besonders gut zur Geltung kam. Um noch schlanker zu wirken, ließ Elisabeth sich sogar teilweise in ihre Kleider einnähen und verzichtete weitestgehend auf bauschige Unterröcke. Statt dessen bevorzugte sie schmal anliegende lange Unterhosen oder –röcke aus feinem Wildleder, vergleichbar mit den heutigen Leggins.
Um fit zu bleiben, und natürlich auch, um ihre Figur zu erhalten, trieb Elisabeth geradezu exzessiv Sport. Ihre Gewaltmärsche über mehrere Stunden waren bei den Hofdamen gefürchtet, die regelmäßig außer Atem kamen. Zudem ließ die Kaiserin sich in jedem Schloss, in dem sie residierte, ein Turnzimmer einrichten, was bei ihren Zeitgenossen nicht unbedingt auf Verständnis stieß. Fitnessstudios waren damals natürlich noch vollkommen unbekannt. Einige Biographien gehen sogar so weit zu behaupten, dass Franz Joseph seiner Frau auch noch einen Swimming-Pool hätte errichten lassen müssen, wenn es so was denn damals schon gegeben hätte, da Elisabeth auch eine ausgesprochene Wasserratte war.

Aus Sicht heutiger Sportmediziner sind die Sportarten, die Sisi betrieb, durchaus vernünftig, sie machte nur drei entscheidende Fehler: Extremsport und Nulldiät bei gleichzeitig falscher Kleidung und einer daraus resultierenden falschen Haltung.


      Sisi nach Winterhalter mit offenem Haar

Um ihren Ruf als einzigartige Schönheit auch für die Nachwelt zu erhalten, weigerte Elisabeth sich ab etwa ihrem vierzigsten Lebensjahr, für Fotos oder Portraits Modell zu stehen. Für Maler war sie schon immer ein schwieriges Motiv gewesen, nur wenige Maler, wie etwa Winterhalter, durften die Kaiserin aus der Nähe malen. Elisabeths altes, mageres Gesicht haben nur noch wenige zu Gesicht bekommen, mit Fächern und Schirmen versteckte sie sich vor ihren Mitmenschen soweit es ging. Sämtliche Fotos, die die ältere Kaiserin darstellen, sind Retouchen von Bildern der jungen Kaiserin. Die damalige Fototechnik war sehr wohl schon in der Lage, das Gesicht der Kaiserin altersgerecht (und vielleicht auch ein wenig verschönernd) zu retouchieren und ihr neue, zeitgemäße Kleider anzuziehen.
Nach heutigen Erkenntnissen muss die alte Kaiserin jedoch viele, viele Falten gehabt haben – trotz all der aufwändigen Pflege, die sie betrieb. Die Hungerkuren und die Magersucht forderten ihren Tribut, genauso wie die monatelangen Aufenthalte auf See in Wind und Wetter und in der Sonne ohne Lichtschutzfaktor.

Das ungarische Kind
Die Tage in Ungarn brachten das Kaiserpaar einander wieder näher. Elisabeth suchte verstärkt die Nähe ihres Mannes, mit den Kindern war sie hingegen nur selten zusammen.
Kurze Zeit nach der Krönung in Budapest war Elisabeth erneut schwanger. Sofort kam es zu Spekulationen, ob das Kind denn auch tatsächlich vom Kaiser war oder nicht doch von Andrássy, dem ein Verhältnis mit seiner Königin nachgesagt wurde. Die Tatsache, dass Elisabeth am 5.Februar 1868 von Wien nach Budapest übersiedelte, um das Kind in Ungarn auf die Welt zu bringen, sorgten für zusätzlichen Gesprächsstoff. Diese Spekulationen sind bis heute nicht verstummt, mitunter findet man in einigen Biographien noch immer die Behauptung, zwischen Elisabeth und Andrássy sei mehr gelaufen als nur eine intensive Freundschaft. Die wichtigste Elisabeth-Biographin Brigitte Hamann widerspricht dieser These jedoch vehement. Zwar ist anzunehmen, dass auf sexueller Ebene nie viel zwischen Elisabeth und Franz Joseph lief, wichtiger ist jedoch, dass Elisabeth dem Sex generell abgeneigt war, wie sich aus einigen Passagen ihres Poetischen Tagebuchs eindeutig herauslesen lässt. Warum sollte eine Frau, die sowieso nicht viel mit Sex anzufangen weiß, sich also in eine Affäre mit einem anderen Mann stürzen? Außerdem darf nicht außer Acht gelassen werden, dass Elisabeth und Andrássy überhaupt keine Gelegenheit gehabt hätten, einander alleine zu treffen. In einem Hofstaat, in dem jeder bis zum untersten Lakai sogar über den Monatszyklus der Kaiserin bescheid weiß, dürfte es unmöglich gewesen sein, dem Kaiser fremd zu gehen. Wahrscheinlicher ist vielmehr die These, dass Elisabeth dem Kaiser ein Kind schenken wollte, um sich bei ihm für sein Einlenken während des Ausgleichs zu bedanken.


Das "ungarische Kind", Erzherzogin Marie Valerie als junges Mädchen

Am 22.April 1868 kam Marie Valerie zur Welt. Ein ungewöhnlicher Name für eine Habsburgerin, aber Marie Valerie war viel mehr als nur ein Geschenk an den Kaiser. Sie war gleichzeitig auch ein Geschenk Elisabeths an die ungarische Nation, benannt nach einer hohen ungarischen Schutzheiligen, und das „ungarische Kind“, das ausschließlich auf ungarisch und von ungarischem Personal erzogen wurde.
Für Elisabeth war sie „die Einzige“, ihr einziges Kind, dem sie von nun all ihre Aufmerksamkeit und vor allem schon übermächtige Liebe schenkte. Später beklagte Marie Valerie sich, ihre Mutter hätte sie mit ihrer Liebe geradezu erdrückt.

Die Kaiserin hinter der Meute
Elisabeth erholte sich nur langsam von der vierten Geburt, doch bald nahm sie ihre gewohnten Hungerkuren wieder auf. Auch nach der Geburt blieb sie in Ungarn in Gödöllö, während Franz Joseph zurück nach Wien reiste.
Gödöllö wurde immer mehr zum Lebensmittelpunkt der Kaiserin. Hier hoffte sie, der Enge des Wiener Hofes entkommen zu können. Gödöllö war Elisabeths Reich. Hier umgab sie sich mit den Menschen, die sie mochte, hier konnte sie tun und lassen, was sie wollte. Nach dem Vorbild ihres Vaters ließ sie sich hier eine Zirkusmanege errichten und ließ sich von der berühmten Kunstreiterin Elisa Renz im Kunstreiten unterrichten. Auch sonst entwickelte Elisabeth sich zur besessenen Reiterin.
Schon als Kind war sie gerne geritten, nach dem Ausgleich mit Ungarn jedoch erreicht diese Leidenschaft ihren Höhepunkt. Elisabeth beherrschte nicht nur die hohe Spanische Hofreitschule, sie ist auch eine begeisterte Parforce-Reiterin, sowohl im Damen- als auch im Herrensattel, für damalige Zeiten durchaus shocking, aber mitunter sah man die Königin von Ungarn auch in Hosen reiten.
Die Reitgesellschaften, die Elisabeth in Gödöllö abhielt, waren legendär. Die besten Reiter Europas versammelten sich in Ungarn, allen voran Elisabeth selber, die damals als die beste Reiterin Europas, wenn nicht sogar der Welt galt, immerhin war Reiten in dieser Form noch kein Frauensport.
Doch bald schon wurde die ungarische Tiefebene für Elisabeth reittechnisch uninteressant, neue Herausforderungen mussten her. 1874 reiste sie auf Einladung ihrer mittlerweile im Exil lebenden Schwester Marie das erste Mal nach England, um dort an einer Jagdgesellschaft teilzunehmen. Die englischen Jagden galten als schwer und geradezu halsbrecherisch, Elisabeth nahm die Herausforderung an. Während sie in England war, ritt sie den ganzen Tag, von frühmorgens bis abends. Es blieb nicht der einzige Besuch in England, in der Folge kam sie öfters dorthin.


Die Kaiserin während einer Jagd, das Gesicht hinter einem Fächer verborgen

Als auch England ihr langweilig wurde, wich sie nach Irland aus, wo das Gelände noch unwegsamer ist. Elisabeth wollte sich sogar ein Haus in Irland kaufen, bis der Kaiser intervenierte: da Elisabeth sich in England bei den Pflichtbesuchen bei Queen Victoria nicht immer anständig benommen hatte und die politische Situation im katholischen Irland auch nicht zum Besten für England stand, sei das Verhältnis zur englischen Krone schon genügend belastet. Elisabeth solle ihre Reiturlaube doch bitte nur nach England verlegen, am liebsten natürlich wäre es Franz Joseph gewesen, wenn seine Frau wieder ganz zu ihm zurück gekehrt wäre.
Elisabeth fügte sich ihrem Mann, doch ihr Interesse am Reitsport war eh bereits wieder erloschen. Captain Bay Middleton, ihr Pilot während der meisten Jagden und nach anfänglichen Vorbehalten auch ein enger Freund, stand kurz vor seiner Hochzeit und da auch ihm ein Verhältnis zu Elisabeth nachgesagt wurde, sollte er auf Wunsch seiner Verlobten sämtlichen Kontakt zur Kaiserin abbrechen. In Folge gab Elisabeth den Reitsport fast vollständig auf, bis ihr später gesundheitliche Probleme das Reiten ganz unmöglich machten.

Adler und Möwe
Ludwig II. und Elisabeth kannten sich sehr gut, waren sie doch Cousin und Cousine. Elisabeth war acht Jahre älter als ihr Cousin, daher waren die Bindungen zwischen den beiden in der Kindheit nicht besonders eng, das sollte sich erst in späteren Jahren ändern.
1864 war Ludwig zum König von Bayern gekrönt worden, in dem Jahr, in dem auch seine Freundschaft zu Richard Wagner begann. Er holte den mittellosen Komponisten zu sich nach München, zahlte dessen Rechnungen und dazu noch ein stattliches Gehalt, das Wagner sich regelmäßig erhöhen ließ, da er nicht mit seinen Finanzen haushalten konnte. Für Wagner ließ Ludwig II. 1876 in Bayreuth auch das berühmte Opernhaus erbauen. Die Verschwendungssucht Wagners führte jedoch letztlich dahin, dass Wagner aus München vertrieben wurde.
Am 23.Januar 1867 wurde Ludwigs Verlobung mit Elisabeths jüngster Schwester Sophie bekannt gegeben. Ludwig verehrte Sophie als seine „Elsa“, der weiblichen Hauptfigur in Wagners „Lohengrin“. Sophie war ebenfalls eine Wagner-Verehrerin, wenn auch nicht dermaßen fanatisch wie Ludwig, der in Wagner seinen Meister sah. Von Liebe zwischen den beiden kann jedoch keine Rede gewesen sein. Sicherlich liebte Sophie ihren Cousin, Ludwig hingegen sah sie nur als eine Vertraute und beste Freundin.
Die Verlobung war nur auf Drängen von Sophies Eltern zustande gekommen, die von der schwärmerischen Korrespondenz zwischen Sophie und Ludwig erfahren hatten: entweder Ludwig würde aufhören, Sophie in dieser Weise den Hof zu machen oder er würde sich mit ihr verloben. Zudem hoffte man, mit dieser Verlobung Ludwig von seiner Schwärmerei für Wagner abbringen zu können. Doch weder ließ Ludwig in seinem Wagner-Wahn ab, noch wurde ein Hochzeitstermin festgesetzt und als man sich denn endlich auf einen Hochzeitstermin geeinigt hatte, wurde dieser zweimal unter fadenscheinigen Argumenten verschoben. Schließlich wurde es selbst Herzog Max zu bunt. Er verlangte von Ludwig ultimativ entweder die Festsetzung eines endgültigen Hochzeitstermins oder die Auflösung der Verlobung. Ludwig schien geradezu erleichtert zu sein, auf diese Art aus der Sache raus zu kommen.


König Ludwig II. von Bayern mit seiner Braut, Prinzessin Sophie in Bayern, der jüngsten Schwester Sisis

Elisabeth war über das Verhalten Ludwigs ihrer Schwester gegenüber mehr als erzürnt, konnte seine Auflösung der Verlobung nicht nachvollziehen, dennoch schrieben die beiden sich über Jahre hinweg Briefe und standen sogar in einem literarischen Austausch. Beide verachteten ihre Umgebung und gefielen sich in immer neuen Exzentritäten um ihre Umwelt zu schockieren. Beide waren Meister darin, offiziellen Treffen auszuweichen, kurz vorher wegzufahren oder sich krankzumelden. In gewisser Art kann zwischen den beiden von Liebe geredet werden, allerdings einer Liebe ohne irgendwelche erotischen Hintergedanken. Ludwig hegte homoerotische Neigungen und sah in Elisabeth, ähnlich wie in Sophie, eine Seelenverwandte und Vertraute. Wenn Elisabeth bei ihrer Familie in Possenhofen weilte, besuchte Ludwig sie jedes Mal dort, allerdings unter der Bedingung, dort sonst niemand anderen außer ihr anzutreffen.
Vor allem Kronprinz Rudolf hielt die Verbindung zwischen Elisabeth und Ludwig lebendig, das Verhältnis zwischen ihm und dem König war gut und freundschaftlich in jungen Jahren, je älter uns selbständiger Rudolf jedoch wurde, desto lockerer wurde auch der Kontakt, während Ludwig sich wieder Elisabeth zuwandte. Als Möwe und Adler schrieben sie sich Gedichte in Dialogform; Ludwig war der Adler der bayerischen Alpen, Elisabeth die Möwe auf hoher See.
Elisabeth erkannte sehr wohl die psychische Erkrankung Ludwigs, hielt jedoch –gleich wie heftig die Kritik an ihm ausfiel – stets zu ihm, auch wenn sie sich damit gegen ihre Familie, vor allem gegen ihre Mutter Ludovika, stellen musste.
Im Juni 1886 befand Elisabeth sich wieder bei ihrer Familie in Possenhofen, während Ludwig sich in Neuschwanstein verschanzt hatte und sich weigerte, die Regierungsgeschäfte abzugeben. Statt dessen forderte Ludwig immer mehr Geld aus dem heruntergewirtschafteten Staatssäckel. Man forderte ihn zur Abdankung auf mit der Begründung, er wäre geisteskrank und benötige ärztliche Behandlung. Während Elisabeth sich also am Starnberger See bei ihrer Familie befand, wurde Ludwig von Neuschwanstein in den Alpen ebenfalls dorthin gebracht: nach Schloß Berg auf der anderen Seite des Sees, wo er unter die Aufsicht von Dr. Gudden gestellt wurde.
Am Morgen des 14.Juni 1886 erreichte Elisabeth die Nachricht, dass Ludwig im Starnberger See mit seinem Arzt ertrunken war. Ihr Sohn Rudolf, der wenig später eintraf, um an der Beisetzung teilzunehmen, war entsetzt über Elisabeths nervlichen Zustand. Hochgradig erregt stritt sie sich mit allen Angehörigen und beschimpfte den Prinzregenten, der die Abdankung Ludwigs betreiben hatte, als Mörder und Verräter. Auch wenn die wirklichen Ursachen für Ludwigs Tod im Starnberger See nie wirklich geklärt werden konnten – die Spannbreite der Theorien reicht von Unfall bis hin zu Selbstmord und Mord – so gab Elisabeth stets Prinzregent Luitpold die Schuld am Tod ihres Cousins.

Die Freundin des Kaisers
Während die Kaiserin sich ihre Zeit auf Jagden zwischen Ungarn, Frankreich, England und Irland vertrieb, vereinsamte Franz Joseph in Wien immer mehr. Die Kinder Gisela und Rudolf waren mittlerweile im heiratsfähigen Alter, Erzherzogin Sophie war 1872 verstorben.
Elisabeth war zu diesem Zeitpunkt nicht mehr in der Lage, ihrem Mann mehr als freundschaftliche Dankbarkeit entgegen zu bringen. Von Liebe konnte keine Rede mehr sein, obwohl sie wusste, dass Franz Joseph sie abgöttisch liebte. Um ihrem Mann die Einsamkeit etwas erträglicher zu machen, suchte sie daher nach einer Frau, die ihm etwas Gesellschaft leisten konnte, während sie in Europa herumreiste. Damen der höheren Gesellschaft schieden von vornherein aus.
1884 entdeckte Elisabeth, dass ihr Mann immer öfter ins Burgtheater ging, das durch einen unterirdischen Gang mit der Hofburg verbunden ist. Er sah sich nicht jedes Stück an, sondern ging nur ins Theater, wenn eine besondere Schauspielerin auf der Bühne stand: Katharina Schratt. Die Natürlichkeit dieser Frau hatte es dem Kaiser besonders angetan, vielleicht war er auch ein wenig verliebt. Elisabeth beschloss, Katharina Schratt persönlich kennen zu lernen, 1885 stellte sie sie dann schließlich dem Kaiser vor.
Es war der Beginn einer jahrelangen Freundschaft, die bis zum Tod des Kaisers 1916 anhalten sollte. Der Kaiser förderte zunächst die schauspielerische Karriere Katharina Schratts, bevor er ihr schließlich eine eigene Apanage zahlte, von der sie ganz gut leben konnte und sich sogar ein Haus in der Nähe von Schönbrunn leisten konnte. Wenn der Kaiser zur Sommerfrische nach Bad Ischl fuhr, mietete sich auch Katharina in der Nähe des Ortes ein, die „Schratt-Villa“ gibt es noch heute. Ob zwischen den beiden auch mehr lief, kann nicht genau gesagt werden, doch selbst wenn, so hätte es Elisabeth nicht gestört. Im Gegenteil, sie sprach immer gut von der Freundin des Kaisers und protegierte die Beziehung zwischen ihr und Franz Joseph, so dass böse Zungen verstimmen mussten.


Katharina Schratt, die "Freundin" des Kaisers


Die Fee Titania im Lainzer Tiergarten
Als die Kaiserin Mitte der 1880er Jahre ihren Reiterehrgeiz aufgab, erwarteten ihre Zeitgenossen, dass sie sich nun endlich an das Leben einer Kaiserin gewöhnen würde. Man erwartete von ihr, sie nun öfters in Wien zu sehen und dass sie dort nun ihren repräsentativen und sozialen Pflichten nachkommen würde.
Franz Joseph bemühte sich nach Kräften, seiner Frau das Leben in Wien so erträglich wie möglich zu machen. Da sie sich weder in der Hofburg, noch in Schönbrunn oder Laxenburg richtig heimisch fühlte, baute er ihr Mitte der achtziger Jahre eine eigene Villa inmitten des Lainzer Tiergartens, wo sie vom höfischen Leben gänzlich ungestört war. Die Hermesvilla, benannt nach Elisabeths griechischem Lieblingsgott Hermes, war ein Schlösschen ganz nach Elisabeths Geschmack, ausgestattet mit Motiven aus ihrem Lieblingsdrama „Ein Sommernachtstraum“ mit Bildern von Makart und dem damals noch unbekannten Gustav Klimt. Besonderes Vergnügen bereiteten Elisabeth die eingebauten Badezimmer und das fließende Wasser, was man von den anderen Schlössern in Wien noch nicht kannte.
Kein Außenstehender bekam die Villa zu Elisabeths Zeiten zu sehen. Der Lainzer Tiergarten war von einer hohen Mauer umgeben, die an den Toren von Wachen bewacht wurde. Hier konnte Elisabeth stundenlang spazieren gehen und Gedichte schreiben.
Bereits als junges Mädchen hatte die Kaiserin Gedichte geschrieben, inspiriert worden war sie dazu sicherlich von ihrem Vater, der ein großes Interesse an Literatur hatte und auch mehrmals als Autor in Erscheinung getreten war. Im Laufe ihres Lebens hatte Elisabeth immer wieder Gedichte geschrieben, nach dem Ende ihrer Reitkarriere jedoch widmete sie sich diesem Hobby wieder verstärkter.
Über den literarischen Gehalt ihrer Gedichte, die im Poetischen Tagebuch der Nachwelt erhalten geblieben sind und von Brigitte Hamann veröffentlicht wurden, kann man sicherlich streiten. Zum Teil schrieb Elisabeth sich ihren familiären Frust von der Seele, im Poetischen Tagebuch wimmelt es von ätzenden Hasstiraden auf Mitglieder der kaiserlichen Familie, gleichzeitig gibt es darin aber auch melancholisch-versponnene Naturbeschreibungen von Elisabeths Reisen und Gedichte an den Kaiser, den sie als Oberon beschreibt, während sie, Titania, stets mit einem Eselskopf im Arm erwacht.
Elisabeth dachte gar nicht daran, sich nun, da sie ein eigenes, einsam gelegenes Schloss außerhalb Wiens besaß, häufiger in Wien aufzuhalten. Sie verbrachte nur wenige Tage des Jahres in der sündhaft teuren Hermesvilla, statt dessen begab sie sich wieder leidenschaftlich auf Reisen, weniger aus sportlichen Gründen, sondern aus kulturellen Gründen.
Elisabeth befand sich zu dieser Zeit in einer schweren Krise. Ihre Schönheit schien nun, da sie sich den Fünfzigern näherte, allmählich zu verblassen, Elisabeth versteckte ihr faltig gewordenes Gesicht hinter Fächern und Schirmen. Die einst lebenslustige Kaiserin hinter der Meute litt an Ischias und schweren nervösen Störungen. Sie versuchte nun, ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben, freilich nicht im Rahmen ihrer kaiserlichen Stellung oder ihrer Familie.
Elisabeth hatte die Hoffnung aufgegeben, bei ihren Zeitgenossen Verständnis zu finden. In ihren Gedichten wandte sie sich an die „Zukunftsseelen“, jene Menschen, die nach ihrem Tod geboren werden würden. Für den Drucktermin ihres literarischen Nachlasses bestimmte sie das Jahr 1950, also einen Zeitpunkt, an dem weder einer ihrer Zeitgenossen noch sie selbst noch leben würden.
Fast ein volles Jahrzehnt konzentrierte Elisabeth sich auf ihre Dichtungen. In dieser Zeit wurde aus der Kaiserin Elisabeth von Österreich, Königin von Ungarn und Böhmen die Feenkönigin Titania, wie sie sich in ihren Gedichten bezeichnete. Feen und Zwerge, vor allem aber der „Meister“ Heinrich Heine bevölkerten von nun an ihr imaginäres Reich. Die Menschen ihres Reiches waren ihr ebenso fern wie die Probleme ihrer Familie, vor allem die ihres Sohnes.


Die Hermesvilla im Lainzer Tiergarten, Wien

 
Die Jüngerin Heines
Elisabeths Gedichte aus den 1880er Jahren haben einen Umfang von etwa 600 Druckseiten. Sie sind eine einzige große Hymne an den schwärmerisch verehrten „Meister“ Heinrich Heine. Diese Verehrung ging weit über die übliche Liebe eines Literaturfreundes hinaus. Die Kaiserin kannte lange Passagen von Heine auswendig und beschäftigte sich auch intensiv mit dem Leben des Dichters. Elisabeth fühlte sich mit ihm eng verbunden und meinte sogar, der 1856 in Paris Verstorbene diktiere ihr ihre Verse in die Feder. Es war eine erneute Flucht, keine körperliche, aber eine seelische.
Elisabeth hatte einen großen und guten Ruf als Heine-Kennerin, so wurde sie sogar von einem Berliner Literaturhistoriker um ihr Urteil gebeten. Wie Heinrich Heine stellte auch Elisabeth die Monarchie als Staatsform in Frage. Ihre Auffassung wirkte bei ihren Kindern nach, sowohl bei Rudolf als auch bei Valerie.
Ohne dass sie es wollte, geriet Elisabeth Ende der 1880er Jahre in den politischen Tagesstreit. Es ging um die Errichtung eines Heine-Denkmals in Düsseldorf. Selbstverständlich sagte die Kaiserin dem Denkmal-Komitee ihre Unterstützung zu, der größte Teil der Spenden zum Denkmal in Form eines Loreley-Brunnens kam von ihr. Laut Abrechnung gab sie dafür 12 950 Mark an den Berliner Bildhauer Ernst Herter und dichtete Gedichte für den öffentlichen Spendenaufruf. Innerhalb ihrer Familie fand Elisabeth offenbar keine Zustimmung. Im Gegenteil: Elisabeths öffentliches Engagement für Heinrich Heine wurde zum öffentlichen Ärgernis und zu einer großen politischen Affäre in einer Zeit des wild aufschäumenden Antisemitismus. Denn die Entscheidung eines Denkmals für den Juden Heine, den Schöpfer des „Wintermärchens“ und Kritiker deutscher Fürsten, wurde sowohl von Antisemiten als auch Deutschnationalen und Monarchisten als Provokation empfunden. Es gab Pressefehden und Demonstrationen gegen das Denkmal. Elisabeth wurde nun an die Seite der „Judenknechte“ gestellt und mit ihnen zusammen angegriffen.
 
Das heutige Düsseldorfer Heine-Denkmal

Doch Elisabeth dachte nicht daran, in den Tageskampf aktiv einzugreifen und für die Sache der Toleranz zu kämpfen, wie es sich etwa ihr Sohn Rudolf vorstellte. Sie hielt sich von allen politischen Parteiungen fern. Es kümmerte sie einfach nicht, was die Öffentlichkeit über das Heine-Denkmal dachte oder wie man ihre eigene Stellung beurteilte. Ihre Beziehung zu Heinrich Heine war für sie eine persönliche Angelegenheit. Kampflos wich Elisabeth zurück. Sie gab 1889 ihre Unterstützung für die Errichtung des Heine-Denkmals auf und zog sich angewidert zurück.
Herters Heine-Denkmal, das für den Düsseldorfer Hofgarten bestimmt war, wurde später von Deutschamerikanern in New York aufgestellt. Es befindet sich heute in einem Park an der Kreuzung der 161. Straße und der Mott Avenue. Düsseldorf musste noch ungefähr 100 Jahre auf sein eigenes Heine-Denkmal warten, das sich heute in der Nähe des Schwanenspiegels, versteckt an einer Schnellstraße in der Innenstadt und kaum beachtet von Passanten, befindet.

Die letzte Griechin
Neben Heine las die Kaiserin auch noch Werke anderer Autoren.
Ende der 1880er Jahre begann Elisabeth ihr Studium des Altgriechischen, um Homer im Urtext lesen zu können, später konzentrierte sie sich jedoch aufs Neugriechische. Zur Übung übersetzte sie zum Beispiel Shakespeares „Hamlet“ aus dem englischen Original ins Neugriechische, 1892 auch Texte von Schopenhauer.
Beim Spazierengehen begleitete sie ein griechischer Student, der nicht nur griechische Konversation machen, sondern auch beim Gehen vorlesen musste.
Die Liebe zu Griechenland war quasi eine Wittelsbachische Familientradition. Elisabeths Onkel, König Ludwig I., war ebenso ein Griechenlandschwärmer wie sein Sohn Otto, der von 1832 bis 1862 König von Griechenland war. In dieser Zeit kamen viele Bayern nach Griechenland und gaben dem Land politische und finanzielle Entwicklungshilfe. Auch Elisabeths Vater Herzog Max war ein guter Griechenlandkenner, nicht nur durch seine Reisen, sondern auch durch seine Beschäftigung mit der griechischen Geschichte und Literatur.
Elisabeths Griechenlandliebe war durch Kenntnisse der griechischen Sprache, Mythologie und Geschichte wohlfundiert. Einer ihrer Lieblingsdichter war Lord Byron, dessen Gedichte sie ins Deutsche übersetzte.
1885 bat Elisabeth den besten deutschsprachigen Griechenlandkenner, den österreichischen Konsul auf Korfu, Alexander von Warsberg, sie auf ihren Reisen nach Griechenland als wissenschaftlicher Führer zu begleiten.
Auf Korfu, jener Insel, die ihr schon seit ihrer ersten Flucht in bester Erinnerung geblieben war, ließ Elisabeth sich 1889 ein Schloss errichten, auf einem Hügel am Meer, gegenüber den albanischen Bergen, völlig abgelegen und uneinsehbar von der Umwelt, mit eigenem Landeplatz am Meer und – einem eigenen Elektrizitätswerk.
Ein Architekt aus Neapel plante den Bau nach den präzisen Angaben Alexander von Warsbergs. Der Stil Pompejis sollte es sein, und die Überreste aus Pompeji und Troja, die im Museum von Neapel waren, gaben das Muster ab. Dieses neue Schloss weihte Elisabeth ihrem Lieblingshelden Achill und gab ihm den Namen „Achilleion“.


Das Achilleion auf Korfu, heute ein Casino

In ihrem Achilleion umgab sich Elisabeth mit den Büsten ihrer Lieblingsdichter- und -philosophen: Homer, Platon, Euripides, Demosthenes, Periander, Lysias, Epikur, Zeno, Byron, Shakespeare und –nach dem Scheitern des Düsseldorfer Heine-Denkmals- auch mit einem Denkmal Heinrich Heines im Park des Schlosses. Die meisten Plastiken waren Kopien nach antikem Vorbild. Selbst die Möbel wurden im pompejanischen Stil von neapolitanischen Handwerkern hergestellt. Einzig bei den Räumen des Kaisers wurde eine Ausnahme gemacht, ihm behagten die antiken Möbel nicht sonderlich. Ein ganz besonderer Luxus des Achilleions ist zweifelsohne das elektrische Licht, das die Landschaft in ein damals unbekanntes Licht hüllte.
Elisabeth fühlte sich in den Jahren auf Korfu als Griechin, sie sprach die Sprache bald fließend und besaß mit dem Gelände des Achilleions auch Land dort. Sie schlug dem Kaiser Griechenland sogar als Altersruhesitz vor. Doch schon bald ließ Elisabeths Interesse sowohl für Griechenland als auch für ihr Schloss Korfu nach. Kaum waren die Bauarbeiten am Achilleion beendet, trug sie sich schon wieder mit dem Gedanken, das Schloss zu verkaufen.
9 Jahre nach Elisabeths Tod, 1907, kaufte Kaiser Wilhelm II. das Achilleion. Mittlerweile beherbergt es ein Casino und ist eine der großen Touristenattraktionen Korfus.

Mayerling
Die beiden ältesten Kaiserkinder Gisela und Rudolf wuchsen quasi ohne Mutter auf. Elisabeth widmete ihren Kindern nur wenig Zeit, zu sehr war sie mit sich selbst beschäftigt. Sie betrachtete ihre beiden Ältesten als Ziehkinder der Erzherzogin Sophie, und das genügte, um das Verhältnis zwischen Muttern und Kindern nachhaltig zu stören.
Wenn Elisabeth kurzfristig am Wiener Hof auftauchte, zeigte sie sich als starke Persönlichkeit mit einer solchen Anziehungskraft, dass schon der kleine Kronprinz sie anhimmelte – nicht wie eine Mutter, eher wie eine schöne Märchenfee.
Wie keine der Schwestern war Rudolf der Erbe seiner Mutter und nicht seines Vaters. Temperament und Begabung, Phantasie, Lebhaftigkeit, Sensibilität, Witz und schnelle Auffassungsgabe hatte er von seiner Mutter.
Sein Leben lang war Rudolf seiner Mutter dankbar, dass sie sich 1865 vehement für ihn und eine liberalere Erziehung eingesetzt hatte. Elisabeth war es, die den damals Siebenjährigen von dem gehassten Erzieher Grondrecourt befreite, der ihn hohen psychischen und physischen Qualen ausgesetzt hatte. Sie war es auch, die den neuen Erzieher Latour an den Hof holte, was jedoch nur mit erheblichen Familienstreitigkeiten und dem Widerstand der höfischen Umgebung durchgesetzt werden konnte. Latour wurde für den kleinen Rudolf zum Vaterersatz, der ihm darüber hinaus auch liberale Ansichten beibrachte, die denen von Elisabeth sehr ähnlich waren.
Die betont bürgerliche, ja antihöfische Erziehung, entfernte den Kronprinzen von seiner aristokratischen Umwelt. Vor allem in Elisabeths aktiver politischer Zeit nach der Niederlage von Königgrätz und im Zusammenhang mit dem ungarischen Ausgleich war er an der Seite seiner Mutter. Bei Hofe sah man in Rudolf eine Gefahr heranwachsen, vor allem die Gefahr, einen revolutionären, bürgerlichen, antiklerikalen und antiaristokratischen Kaiser nach Franz Joseph zu bekommen war durchaus gegeben.
Doch Elisabeths Einsatz für ihren Sohn zwischen 1865 und 1857 blieben nur Episoden. 1868 wurde die jüngste Kaisertochter Marie Valerie geboren und nun stand der Kronprinz abseits, denn Elisabeth entwickelte eine hysterische Mutterliebe für ihre Jüngste und ließ sie kaum aus ihren Augen. Nachdem Gisela im Alter von 17 Jahren nach Bayern geheiratet hatte, blieb Rudolf in der Obhut seiner Erzieher und Lehrer allein in Wien zurück.
Innerhalb der kaiserlichen Familie, die auch nur zu besonderen Feiertagen zusammenkam, betrachtete man Rudolf mit respektvoller Scheu und Misstrauen. Er war auch hier isoliert.
Die Heirat Rudolfs mit der belgischen Königstochter Stéphanie 1882 verschlechterte das familiäre Klima zusätzlich. Elisabeth machte kein Geheimnis aus ihrer Verachtung für das „Trampeltier“, wie sie ihre Schwiegertochter nannte. Als sie jedoch merkte, dass Stéphanie sich wahrhaftig für die repräsentativen Pflichten einer Kronprinzessin begeisterte, war sie dankbar, dass ihre Schwiegertochter ihr immer mehr öffentliche Auftritte abnahm. Dass sich Stéphanie als überzeugte Freundin der hohen Aristokratie erwies und ihrerseits Elisabeths mangelndes Pflichtbewusstsein vorwarf, machte das Verhältnis zwischen den beiden Frauen eisig.


Prinzessin Stéphanie von Belgien

Rudolf buhlte um die Liebe seiner Mutter und ahmte sie nach, wo er nur konnte. Elisabeths Vorliebe für Tiere, vor allem für große Hunde, war für ihn ein Grund, um 1880 in Prag eine eigene Hundezucht aufzuziehen. Jedoch beschäftigte Rudolf sich auch wissenschaftlich mit Tieren, sein Spezialfach war die Ornithologie. Als Ornithologe machte Rudolf ausgedehnte Forschungsreisen mit dem Schiff, vor allem mit seinem väterlichen Freund Alfred Brehm, an dessen „Tierleben“ er auch mitarbeitete.
Doch während der Kaiser seiner Frau sämtliche Liebhabereien großzügig nachsah, durfte Rudolf diesen nicht nachgehen. Rudolf wollte studieren, sein Vater bestand jedoch darauf, dass er Soldat wurde. Als Soldat zeichnete er sich nicht besonders aus, sehr zum Leidwesen seines Vaters.
Ohne das Wissen seiner Eltern schrieb Rudolf Artikel für das demokratische Neue Wiener Tageblatt und gab sich darin durchaus kritisch der Monarchie und vor allem dem Kaiser gegenüber. Elisabeths politische Ansichten übertrugen sich auf ihren Sohn. Beide verehrten Gyula Andrássy als großen Politiker, der Österreich-Ungarn in eine neue Zeit geführt hatte und verurteilten den erzkonservativen Ministerpräsidenten Eduard Taaffe. Rudolfs politische Schriften und seine Privatbriefe sind voll von negativen Äußerungen über Taaffe und dessen Politik, die nach und nach die liberalen Errungenschaften unter Andrássy zurücknahmen.
Rudolf verurteilte jedoch auch die politische Untätigkeit seiner Mutter, von ihren wirklichen Ansichten wusste er nichts, da Elisabeth ihre Meinung nur ihrem Poetischen Tagebuch mitteilte. Ebenso verurteilte er ihre Reitleidenschaft und ihren Spiritismus. Elisabeth bekam davon nichts mit oder nahm es zumindest nicht wahr. Franz Joseph, der über die politischen Ansichten Rudolfs informiert war, unterhielt sich mit seinem Sohn nur noch über festgesetzte Themen: die Jagd, das Militär und familiäre Angelegenheiten. Elisabeth vermittelte nicht zwischen Vater und Sohn, gleichzeitig konnte sie sich aber auch nicht herausreden, sie hätte nichts von den Spannungen zwischen Vater und Sohn gewusst: deren Probleme waren sogar in diplomatischen Kreisen bekannt.
In der Ehe des Kronprinzenpaares kriselte es ebenfalls. So unterschiedlich wie die politischen Ansichten der Eheleute war auch deren Lebensstil. Stéphanie stammte aus einer konservativen Familie und galt als immer adelsstolzer und formeller, je länger sie in Wien lebte. In der kaiserlichen Familie hatte sie keinen Rückhalt, Elisabeth beschrieb sie in ihren Gedichten schon mal als „hässliches Trampeltier“. Die Geburt der gemeinsamen Tochter Elisabeth, „Erzsi“ genannt, konnte die anfangs glückliche Ehe nicht kitten, ab etwa 1886 kam es zu einer ernsthaften Krise zwischen den Eheleuten.
Im Frühjahr 1887 erkrankte Rudolf schwer. Die offizielle Version lautete, der Kronprinz litte an Rheuma und einem Blasenleiden, wahrscheinlicher ist jedoch, dass er sich bei einem seiner Liebesabenteuer eine schwere Gonorrhöe eingefangen hatte, die sich fortan ausbreitete und deren Folgen Rudolf in tiefe Melancholie stürzte. Weitere Nachkommen waren für Rudolf und Stéphanie somit nicht mehr möglich, hinter vorgehaltener Hand sprach man infolge dessen sogar von einer geplanten Scheidung der Ehe – für die katholischen Habsburger ein Unding.
Elisabeth tat nichts, um ihren Sohn, der ihr vom Charakter wesentlich ähnlicher war als ihre Lieblingstochter Marie Valerie, die eher dem Kaiser nachschlug, zu helfen, statt dessen stürzte sie sich ganz in die Vorbereitungen für die Verlobung Marie Valeries mit Erzherzog Franz Salvator.
Zu seiner jüngeren Schwester Marie Valerie hatte Rudolf ein angespanntes Verhältnis. Sicherlich hatte Elisabeth selber einiges dazu beigetragen, indem sie gegenüber ihrem Sohn immer wieder die Stellung Marie Valeries als „die Einzige“ (=als Lieblingskind) betonte, aber auch als Erwachsenen gelang es beiden nicht, zueinander zu finden. Zu unterschiedlich waren sie in ihren Einstellungen, sowohl was private Belange anging, als auch in politischen Angelegenheiten. Während Rudolf, wie bereits erwähnt, liberalen, vielleicht sogar republikanischen Ansichten anhing, war Marie Valerie betont konservativ und hegte einen Hass gegen alles ungarische und slawische, ja, sie entwickelte sich mit der Zeit zur militanten Deutschnationalistin und sah in Wilhelm II. das Machtzentrum eines großdeutschen Nationalreiches, während Rudolf ein betonter, ja fanatischer Österreicher war und den gleichaltrigen Wilhelm II. als seinen Hauptwidersacher betrachtete.


Mary Vetsera

Dass Rudolf immer depressiver wurde und infolge dessen immer häufiger von seinem nahen Tod sprach, nahm niemand recht ernst.
Die Nachricht vom plötzlichen Tod des Kronprinzen traf die Kaiserfamilie am Morgen des 31.Januar 1889 unerwartet und es war ausgerechnet Elisabeth, die als Erste davon erfuhr. Ein Jagdgefährte Rudolfs, Graf Hoyos, der mit dem Kronprinzen gemeinsam in Mayerling auf der Jagd war, berichtete ihr während ihrer Griechischstunde davon und nannte ihr auch gleich den Namen der zweiten Leiche, die in dem Jagdschloß außerhalb Wiens gefunden worden war: Mary Vetsera. Der Kronprinz, so hieß es zuerst, sei von ihr zuerst vergiftet worden, bevor sie sich selber das Leben genommen habe.
Was war geschehen?
Die Literatur zum Thema Mayerling füllt mittlerweile ganze Bücherregale. Die Theorien reichen vom politischen Mord bis zu verklärend-kitschigen Selbstmorden aus Liebe. Die spätere Kaiserin Zita behauptete bis an ihr Lebensende, Kronprinz Rudolf sei einem politischen Komplott zum Opfer gefallen, immer wieder versuchte das österreichische Kaiserhaus den Selbstmord des Thronfolgers zu vertuschen.
Rudolf war einige Tage zuvor mit einigen Freunden nach Mayerling gefahren, zur Jagd, wie es offiziell hieß. Während seine Besucher im Gästehaus logierten, hatte der Kronprinz noch einen weiteren Gast, von dem vermutlich nur er und sein Diener etwas wussten: die siebzehnjährige Mary Vetsera.
Mary entstammte dem niederen Adel und war somit nicht hoffähig. Rudolfs Cousine Gräfin Marie Louise Larisch, Elisabeths Lieblingsnichte, hatte den schwärmerisch in den Kronprinzen verliebten Teenager mit ihrem Cousin bekannt gemacht, vielleicht sollte man besser sagen, verkuppelt. Denn die Vetseras waren zwar nicht hoffähig, das heißt, sie waren nicht zu Hofbällen oder anderen offiziellen Ereignissen bei Hofe zugelassen, die Familie an sich war bei Hofe jedoch bekannt. Marys Mutter Helene und auch ihre älteren Brüder waren in den siebziger Jahren auf Elisabeths Jagdgesellschaften zu Gast gewesen, man kannte sich also bereits. Mary war eine Träumerin, für ihr Alter von siebzehn Jahren eher noch ein Kind und gefiel sich sicherlich in der Rolle der heimlichen Geliebten des Kronprinzen. Ob Rudolf sie genauso liebte wie sie ihn? Oder brauchte er einfach nur eine willige Gefährtin, die bereit war, mit ihm in den Tod zu gehen? Letzteres ist wahrscheinlicher, denn Mary war nicht die einzige Frau, der er vorgeschlagen hatte, mit ihm in den Tod zu gehen, nur wenige Monate zuvor hatte er seiner Vertrauten, der Wiener Edelhure Mizzi Caspar, einen ganz ähnlichen Vorschlag gemacht, den diese allerdings abgelehnt hatte.
Elisabeth reagierte auf die Nachricht vom Tode ihres Sohnes ganz anders, als man es vielleicht von ihr erwartet hätte. Sie informierte den Kaiser und kurze Zeit später auch Katharina Schratt, dann erst die Witwe Kronprinzessin Stéphanie, der sie noch jahrelang Vorwürfe machte, sie habe Rudolf nicht genug geliebt, um ihn vor seinem Schicksal zu bewahren. Ihre eigenen Fehler sah Elisabeth freilich nicht.

Die tatsächliche Todesursache Rudolfs wurde der Öffentlichkeit verschwiegen. Ein katholischer Prinz, der erst seine Geliebte und dann sich selber erschießt, wäre der vermutlich größte Skandal der gesamten Habsburgermonarchie geworden. Elisabeth und Franz Joseph erfuhren beide allerdings bereits am 1.Februar 1889 die wirkliche Todesursache vom kaiserlichen Leibarzt. Für die Beerdigung in der Kapuzinergruft musste allerdings ein ärztliches Gutachten erstellt werden. Nachdem in der Presse zuvor gestanden hatte, Rudolf sei an einem Herzschlag gestorben, wurde nun ein Gutachten veröffentlicht, das ihn für geisteskrank erklärte.

Die Frau in Schwarz
Hatte Elisabeth zu Anfang die Nachricht von Rudolfs Tod gefasst aufgenommen und sich bemerkenswert tapfer gehalten, so verschlechterte sich ihr Zustand zusehends im Frühjahr 1889. Sie verschenkte ihre gesamte helle Kleidung und ihren Schmuck und trug fortan nur noch Schwarz. Gleichzeitig verstärkten sich ihre spiritistischen Neigungen. Eine ihrer Jugendfreundinnen vom Starnberger See, Ilse Paumgarten, war ein bekanntes Medium in München geworden und so kam es, dass Elisabeth auch immer wieder spiritistische Sitzungen besuchte oder auf anderem Wege versuchte, mit dem Geist ihres toten Sohnes Kontakt aufzunehmen. Allerdings muss man hierzu anmerken, dass spiritistische Sitzungen damals ziemlich en vogue waren, auch wenn intellektuelle Kreise sich darüber natürlich lustig machten und auch so manches böses Wort über die Kaiserin in diesem Zusammenhang in der Öffentlichkeit fiel.
Elisabeth wollte fort aus Wien, gleichzeitig plagte sie das schlechte Gewissen, ihren Mann in dieser Situation alleine zu lassen. Die Eheleute entfremdeten sich einander immer mehr, da der praktisch veranlagte Franz Joseph mit Elisabeths spiritistischen Wolkenkraxeleien noch weniger anfangen konnte als mit ihren üblichen Spinnereien.
Im Oktober 1890 erging ein Rundschreiben an die österreichischen Vertretungen im Ausland mit dem Wunsch der Kaiserin, von Glückwünschen zu ihren Namens- und Geburtstagen für alle Zeit Abstand zu nehmen.
In dieser für das Kaiserhaus so unglückliche Zeit kamen beunruhigende Nachrichten über den gesundheitlichen Zustand Gyula Andrássys. Er starb im Februar 1890 nach langer Krankheit und als Elisabeth seine Witwe in Budapest besuchte, bekannte sie, ihren einzigen Freund verloren zu haben. Drei Monate später, im Mai 1890, starb Elisabeths Schwester Helene an Krebs. Als weiteren Schicksalsschlag empfand Elisabeth die Hochzeit ihrer Lieblingstochter Marie Valerie.
Elisabeth fühlte sich nun wurzellos und ohne jegliche Verpflichtungen. Ihr Sohn war tot, ihr Mann glücklich in seiner Beziehung mit Katharina Schratt, ihre beiden Töchter waren beide verheiratet und lebten nicht mehr in Wien. Die wenigen Wochen, die Elisabeth noch in Wien verbrachte, verbrachte sie denn auch in der Abgeschiedenheit der Hermesvilla.


Nach dem Tod ihres Sohnes trug Elisabeth nur noch schwarz

Die Kaiserin reiste immer rast- und zielloser durch Europa, der Kaiser brachte ihren immer neuen Reiseplänen nur wenig entgegen. Auch gewöhnte sie sich immer neue, unangenehme Marotten an, erschien unangemeldet an europäischen Höfen oder drang geradezu in fremde Häuser ein ohne nur ein einziges Wort zu sagen oder zu erklären, was sie eigentlich wollte. Für die Begleiter Elisabeths, wenn sie dies denn in Begleitung tat, waren dies immer hochpeinliche Momente, zumal man natürlich auch damals schon immer an die Presse denken musste. Auf ihre Mitmenschen, so auf die französische Ex-Kaiserin Eugénie, mit der sie ein paar Tage in Cap Martin verbrachte, wirkte die einstmals schönste Frau Europas nur noch wie ein Gespenst, das psychisch gar nicht anwesend zu sein schien.
Elisabeth besuchte keine gesellschaftlichen Ereignisse mehr, die Erzherzoginnen bei Hofe stritten bereits zu Lebzeiten der Kaiserin darüber, wer nun ihre Stellung einnehmen sollte. Bei Hofe rechnete man nicht mehr mit der Kaiserin.
Elisabeths Irrfahrten durch Europa waren für ihre Hofdamen die reinste Qual. Während ihrer Orientreise wanderte die Kaiserin bis zu acht Stunden täglich – in Ägypten! Auf das Wetter nahm die Kaiserin keine Rücksicht, ihre untrainierten Begleiter mussten sich eher schlecht als recht mit dem Tempo der Kaiserin arrangieren, denn von Wandern im herkömmlichen Sinne kann hier keine Rede sein, eher von einer Mischung aus Jogging und Nordic Walking und das ganz sicher nicht mit Schuhen, die heutigen Standards entsprechen.

Genf
Elisabeths Vorliebe für die Schweiz (wo sie ihr Privatvermögen und ihren literarischen Nachlass hinterlegte) bildete sich erst in ihren letzten Lebensjahren heraus. Die Anarchistengefahr, für die die Schweiz bekannt war, fürchtete sie nicht. Trotz energischer Warnungen der schweizer Polizei lehnte sie jede Überwachung durch Polizeiagenten ab.
Im Spätsommer 1898 besuchte die Kaiserin dann auch die Schweiz. Sie stieg , wie schon öfters in Territet bei Montreux, am Genfer See ab. Am 9.September 1898 besuchte sie die Baronin Rothschild, wo sie sich den Quellen zufolge gut amüsierte. Elisabeth reiste erneut unter ihrem Pseudonym Gräfin von Hohenembs. Nach dem dreistündigen Besuch bei der Gräfin Rothschild fuhren Elisabeth und ihre Hofdame Gräfin Sztáray nach Genf, wo sie im Hotel Beau Rivage (übrigens das selbe Hotel, in dem Uwe Barschel ermordet wurde) übernachtete, um am nächsten Tag wieder über den Genfer See nach Territet zu fahren. In Genf erledigte die Kaiserin einige Einkäufe für ihre Tochter Marie Valerie und vor allem für deren zahlreiche Kinder. Im Hotel war sie ebenfalls als Gräfin von Hohenembs eingeschrieben, aber der Hotelier wusste von früheren Aufenthalten, welcher prominenter Gast bei ihm eingestiegen war.
Wer die Nachricht an die Presse weitergeleitet hatte, dass die Kaiserin von Österreich in Genf weilte, konnte nicht geklärt werden. Tatsache jedoch war, dass am 10.September 1898 in den Zeitungen stand, dass Elisabeth im Beau Rivage abgestiegen war.
Der Anarchist Luigi Lucheni hatte die Zeitung gelesen und nach mehreren fehlgeschlagenen Attentatsplänen endlich sein Opfer gefunden. Lucheni hatte sich bereits einige Tage zuvor eine dreieckige Feile gekauft und diese messerscharf geschnitten. Aus einem Anatomiebuch wusste er, wo er genau zustechen mußte, um eine tödliche Wunde zu erzielen. Luchenis vorgesehenes Opfer, Prinz Henri von Orléans, Thronprätendent von Frankreich, war nicht wie geplant nach Genf gekommen. Lucheni hatte auch kein Fahrgeld, um nach Italien zu fahren, um sein Lieblingsopfer, König Umberto von Italien, zu erdolchen. So kam ihm die Zeitungsmitteilung gerade recht. Elisabeth stellte für ihn das ideale Opfer dar: sie war Aristokratin (Lucheni hasste alle Aristokraten) und sie war prominent, so dass ihr Tod auf jeden Fall für Aufmerksamkeit sorgen würde.
Der 25jährige Anarchist lauerte am 10.September 1898 vor dem Hotel und wartete auf eine Gelegenheit, auf die Kaiserin zu treffen. Elisabeth wollte mit dem Linienschiff um 13:40 nach Territet zurückfahren. Der Diener war mit dem Gepäck bereits vorausgeschickt worden, auch das hatte Lucheni beobachtet.
Elisabeth verließ das Hotel mit der Gräfin Sztáray und machte sich auf dem Weg zur Bootanlegestelle, die sich nur wenige hundert Meter vom Hotel befand. Als die beiden Damen Luchenis Weg kreuzten, stürzte er sich auf Elisabeth, schaute noch einmal kurz unter deren Sonnenschirm, um sich zu vergewissern, dass es auch wirklich die Kaiserin war, und stach dann zu. Er traf genau.
Elisabeth stürzte zu Boden, die Wucht des Aufpralls wurde jedoch durch ihre schweren hochgesteckten Haare gemindert. Lucheni floh, wurde jedoch von Passanten festgehalten und zur Polizei gebracht. Dass er ein Mörder war, wusste man zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn Elisabeth stand wieder auf, bedankte sich bei den Umstehenden auf deutsch, englisch und französisch für deren Hilfe und setzte dann ihren Weg zur Bootanlegestelle fort. Das Angebot des anwesenden Hotelportiers, ins Hotel zurück zu kehren, lehnte sie ebenfalls ab. Sie wollte zum Schiff.


Das Attentat auf die Kaiserin in einer zeitgenössischen Zeitung

Die beiden Damen waren nun in Eile, da das Schiff kurz darauf ablegen würde. Elisabeth selber vermutete, der „furchtbare Mensch“ habe ihr die Uhr stehlen wollen. Erst auf dem Schiff brach sie erneut zusammen. Man dachte zuerst an eine Ohnmacht aufgrund des Schreckens, doch als man Elisabeths Mieder öffnete, um ihr ein wenig mehr Luft zukommen zu lassen, sah man den bräunlichen Blutfleck auf ihrem Unterhemd. Der Kapitän wusste nicht, dass es sich bei der Dame um die Kaiserin von Österreich handelte, Gräfin Sztáray musste ihn erst darüber aufklären. Sofort wendete das Schiff und Elisabeth wurde ins Hotel zurückgebracht. Der sofort alarmierte Arzt konnte jedoch nur den Tod der Kaiserin feststellen.
Die Feile hatte Elisabeths Herz genau getroffen. Das Blut floß nur langsam in den Herzbeutel und legte daher erst langsam die Herztätigkeit still, wie Herzspezialisten später feststellten. Aus diesem Grund hatte Elisabeth die Wunde zuerst wahrscheinlich gar nicht gemerkt und war noch in der Lage gewesen, schnellen Schritts zum Schiff zu gehen.
Lucheni gestand die Tat bereits bei seiner ersten Vernehmung und begründete sie mit „Nur wer arbeitet, darf auch essen!“ Weder war er italienischer Nationalist, noch hatte er persönlich etwas gegen die Kaiserin, außer dass sie Aristokratin war. Lucheni hatte den internationalen Anarchismus in der Schweiz kennen gelernt, war jedoch kein Mitglied irgendeiner anarchistischen Zelle. Er war ein Einzeltäter und stolz auf seine Tat. Lucheni wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Nach elfjähriger Haft nahm er sich 1910 in seiner Zelle das Leben, indem er sich mit seinem Gürtel erhängte. Die Öffentlichkeit nahm kaum Notiz davon.


Luigi Lucheni (Mitte) bei seiner Verhaftung

Das Ende
Elisabeths Tod hinterließ keine Lücke im österreichischen Kaiserhaus. Die österreichische Öffentlichkeit betrachtete ihn als erneuten Schicksalsschlag für den Kaiser, von einer Volkstrauer konnte nicht wirklich die Rede sein.
Am 15.September kam die Leiche aus der Schweiz an. Elisabeths Wunsch, auf Korfu begraben zu werden, wurde nicht erfüllt. Sie wurde in der Kapuzinergruft beigesetzt.
In den folgenden Wochen wurde Elisabeths Nachlass geordnet. Elisabeth hinterließ ein großes Vermögen von 10 Millionen Gulden, womit niemand gerechnet hatte. Tatsächlich hatte sie einen Großteil ihrer Apanage in soliden Papieren angelegt, alles in der Schweiz, während der Kaiser ihre Extravaganzen bestreiten musste. Elisabeths Haupterben waren neben ihrer Lieblingstochter Marie Valerie auch ihre Tochter Gisela und Rudolfs einziges Kind, Erzherzogin Elisabeth, genannt Erzsi.
Wenige Briefe wurden gefunden, die meisten hatte Elisabeth zu Lebzeiten verbrennen lassen, auch ein Großteil des Schmucks war bereits lange Zeit vor Elisabeths Tod verschenkt worden.

Was bleibt
Was bleibt nun übrig von jener Frau, die uns allen als „Sissi“ scheinbar so vertraut ist? Was ist es, was die Menschen auch über hundert Jahre nach ihrem Tod immer noch so fasziniert?
Elisabeth hatte sich schon zu Lebzeiten zur Schönheitsikone stilisiert, es gibt keine Bilder von ihr, die sie als alte Frau zeigen. Dem Betrachter erscheint sie somit als ewigjunge Märchenkaiserin. Ihre romantische Liebesgeschichte mit Kaiser Franz Joseph, die geradezu filmreif begann machten aus ihr die Kitsch-Sissi, wie man sie auch heute noch aus den Romy-Schneider-Filmen kennt. Dass Elisabeth eine launische Person war, die für ihre Extravaganzen ihren Mann und ihre Kinder vernachlässigte, an Magersucht und Depressionen litt und sich hemmungslos ihren Stimmungsschwankungen hingab, wird dabei nur allzu gerne übersehen. Das passt einfach nicht in das Bild der süßen, romantischen Sissi.
Die Tragödien in ihrem Leben, der Tod ihres Cousins Ludwig II, der Selbstmord ihres Sohnes, sowie einige andere tragische Todesfälle in ihrer Verwandtschaft und ihre unglückliche Ehe machten sie zur tragischen Person, auch das ist immer ein beliebtes Motiv für großes Kino und hohe Auflagen, man erinnere sich nur an den ähnlichen Kult um Lady Di.
Wegen ihrer kritischen Gedichte wird die Kaiserin gerne als Vorbild für eine moderne Frau, die nur im falschen Jahrhundert lebte, gesehen. Tatsache ist zwar, dass Elisabeth durchaus Republikanerin war, aber sie verschwieg ihre Ansichten bis zu ihrem Tode und vertraute sie nur ihren Gedichten an. Auch die Aussage, Elisabeth sei eine Vorreiterin der Emanzipation gewesen, kann nicht gehalten werden. Elisabeth lebte ihre Emanzipation vor allem durch Verweigerung und inneres Exil. Andere Frauen ihrer Zeit trugen ihre Ansichten nach außen. Vielleicht wurden sie deswegen verlacht. Auf jeden Fall waren sie einen Schritt weiter als die Kaiserin.
Das Vorurteil, Elisabeth sei gänzlich unpolitisch gewesen, kann aufgrund ihrer fehlenden Briefe an den Kaiser oder andere Persönlichkeiten, nicht aufrecht erhalten werden. Die Briefe des Kaisers an seine Frau während des Italienfeldzuges sprechen, wie Katrin Amtmann beweist, eine andere Sprache, wenn auch vielleicht nur zwischen den Zeilen.
Elisabeth war in jeder Hinsicht eine extreme Person. Gebildet und intelligent wie sie war, hätte sie aus ihrem Leben wesentlich mehr machen können. Dass sie ihre Chancen gar nicht oder nicht ausreichend nutze, macht letztlich ihre Tragik aus.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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